Hautpflege und Emotionen – Kaufst du eine Creme oder deine Träume?

Was dürfen Kosmetikfirmen versprechen

Sollte man Hautpflege essen können?

Werbesprüche der Kosmetikmarken sind meist sehr (!) gut durchdacht und werden immer kreativer… Erinnert Ihr Euch an den albernen Werbespruch eines Kosmetikunternehmens, der lautete: „Verwende nie etwas am Gesicht, was du nie essen würdest„? Natürlicher geht es nicht, oder?

Also was hat der Hersteller in seine Döschen reingesteckt? Diverse Gräser und getrocknete Gemüsesorten, die allesamt ein potenziell hohes Allergiepotenzial haben. Sogar meine eher unempfindliche Haut reagierte auf den Inhalt gerötet und verärgert. Die Gemüsemaske von Dr. Alkaitis habe ich für Euch hier beschrieben.

In diesem Sinne fragte mich neulich eine Instagramerin: „Würdest Du Mineralöl in deinen Salat rein tun“? Hm, ich blieb höflich und schluckte nur leise die Sehnsucht nach logischem Denken herunter.

Denn: Würden wir effiziente UV-Filter, Glycerin oder Glykolsäure in unseren Salat rein mischen? Ihr merkt, wie man mit uns manipuliert?


Sollte man nur „natürlich“ klingende Wirkstoffe anwenden?

Neulich habe ich einen ähnlich manipulativ generierten Werbeslogan gelesen: „Kaufe nie Produkte mit Inhaltsstoffen, die Du nicht aussprechen kannst.“ Jetzt geht es also nicht mehr um den Salat, sondern es wird mit unserer Neigung gespielt, einfache Namen als „natürlicher“ wahrzunehmen.

Und weil wir durch die omnipräsente Werbung dazu trainiert werden, „Natürlich“ ins „Besser“ zu übersetzen, kann der Spruch bei vielen von uns ein kauffreundliches Verhalten erzeugen.

Fühlt Ihr euch angesprochen? Ich hoffe nicht.

Um den Unsinn dieses Werbespruchs zu verdeutlichen, habe ich für Euch ein kurzes Quiz vorbereitet:

Bitte, versucht die jeweiligen INCI-Namen in der linken Spalte der u.s. Tabelle laut auszusprechen:

Kann ich nicht aussprechen

 

Kann ich gut aussprechen
Bis-Ethylhexyloxyphenol Methoxyphenyl Triazine“ – aka Tinosorb S (Handelsname) – ein der modernsten und sichersten UV-Filter auf dem Markt mit einem minimalen Allergiepotenzial. Octocrylen – die Anzahl derer, die auf den UV-Filter allergisch reagieren, wächst. Es wird davon abgeraten, ein Sonnenschutz mit Octocrylen täglich auf eine Kinderhaut aufzutragen.
Diethylamino Hydroxybenzoyl Hexyl Benzoate“  – aka Uvinul A (Handelsname) – neben Tinosorb ein der modernsten und sichersten UV-Filter auf dem Markt mit einem minimalen Allergiepotenzial. Farnesol, Geraniol – allergene Duftstoffe
„Epigallocatechin Gallate“ – sehr gutes Antioxidants
Ylang Ylang – ätherisches Öl mit hohem Allergiepotenzial
„Tetrahexyldecyl Ascorbate“ bzw. „Tetra-isopalmitoyl Ascorbic Acid“ – stabile Formen von Vitamin C, deren positive Wirkung auf die Haut gut dokumentiert sind (mehr zu Vitamin C Derivaten findet Ihr hier) Ethanol – wirkt auf die Haut in hohen Mengen austrocknend
„Glycyrrhiza Glabra (Licorice) Root Extract“ – Pigmentflecken aufhellende Substanz, derer Wirkung inzwischen gut dokumentiert ist (mehr zu Pigmentflecken und deren Behandlung findet Ihr hier) Lemon Peel – phototoxisches ätherisches Öl

 

Die Namen in der linken Spalte sind schon etwas schwieriger auszusprechen, oder? Aber wir wollen sie in der Hautpflege unbedingt haben – im Gegenzug zu den Inhaltsstoffen in der rechten Spalte. Das ist schon beinahe pervers. 🙂

Eine Blogreihe zu allergenen, phototoxischen, oxidierenden und absolut nicht empfehlenswerten Duftstoffen und Ölen in Pflegeprodukten findet Ihr hier


Träumst Du noch oder pflegst Du schon?

Die Wahrheit ist, dass beim Kauf von Beauty-Produkten oft die Logik und rationales Denken keine Rolle spielen.

Konsumenten kaufen Träume, nicht zielgerichtete Produkte.

Warum?

  • Weil nicht Fakten, sondern Träume für unser Kaufverhalten entscheidend sind: wir alle wollen in erster Linie Träume verwirklichen
  • Weil wir an Versprechen glauben (wollen)
  • Weil wir inzwischen fest verankerte Assoziationen mit Marken und deren „Bedeutung“ haben
  • Weil wir erlauben, dass diese Assoziationen und Träume unser Wohlbefinden steigern und unsere Stimmung verändern können

Sind Emotionen bei der Auswahl von Hautpflege blöd?

Nein. Unsere Träume sind aus menschlichen Interaktionen geboren und im gesellschaftlichen Kontext tief verankert.

Man will gut aussehen, weil das von uns erwartet wird. Und es macht wenig Sinn, sich über etwas aufzuregen und dagegen zu kämpfen, wenn man es nicht ändern kann.

Hinzu kommen individuelle Eigenschaften, Minderwertigkeitskomplexe oder hohe ästhetische Ansprüche, die das Verlangen nach einem perfekten Aussehen noch verstärken können. Dies darf mit Oberflächlichkeit nicht verwechselt werden.

Meist ist uns nicht mal klar, wie bzw. warum wir uns für Pflegeprodukte entscheiden.

Dennoch: Je mehr Gedanken wir uns zu dem Thema Hautpflege und Emotionen machen, desto klarer werden unsere Kaufentscheidungen.

Und das kommt unserer Haut zu Gute. 🙂


Werbesprüche der Kosmetikmarken – Augen auf!

Marketing Strategien werden in gemütlichen Räumen entwickelt, in denen folgende Hauptfragen gestellt werden:

  • Wie können unsere Produkte noch besser verkauft werden?
  • Was ist der aktuelle Kauftrend auf dem Kosmetikmarkt?
  • Was spricht den Konsumenten an?
  • Welche Versprechen können ihn zum Kauf einer Gesichtscreme locken?

Kosmetikmarken sind keine philanthropischen Einrichtungen. 

Der Kosmetikmarkt erinnert vielmehr an einen Schlachtplatz, wo um den Kunden hart gekämpft wird.

Und weil immer mehr Menschen nach „Naturprodukten“ ohne „Chemie“ fragen, wird ihnen immer mehr davon (bzw. deren Als-Ob-Versionen) angeboten. Meine Gedanken (und Eure Kommentare) zu Clean Beauty findet Ihr in diesem Beitrag. 

Lasst Euch durch Werbung nicht verblenden.

Niemand entwickelt Pflege für uns.

Unternehmen kreieren Produkte in erster Linie für sich selbst. Und es ist wirklich egal, welche Ansprüche gesetzt werden. Mit ein paar gesetzlich einschränkenden Ausnahmen können sie leider sehr viel versprechen.

Kauft nur Sachen, die Dir (Deiner Haut) wirklich zu Gute kommen. Der Kosmetikmarkt braucht mündige Bürger. Sonst werden wir dauernd mit unsinnigen Sprüchen über nicht existierende Gefahren von Silikonen, synthetischen Duftstoffen, Konservierungsstoffen und „Chemikalien“ bombardiert.

Eure Pia

PS: Kennt Ihr vielleicht ähnliche Beispiele für Werbesprüche der Kosmetikmarken, über welche wir uns lustig machen können? 🙂

Übrigens: Teure Hautpflege, die oft als besser gesehen wird, hat auch viel mit unseren Träumen und Emotionen zu tun… Schaut Euch dazu die Blogbeiträge an:

 Muss Hautpflege teuer sein?

Ist teure Hautpflege besser?


Zu Silikonen in Pflege, s. hier

10 Kommentare zu „Hautpflege und Emotionen – Kaufst du eine Creme oder deine Träume?“

  1. „Kosmetikmarken sind keine philantropischen Einrichtungen“ – bei dem Satz musste ich sehr schmunzeln! Er ist die perfekte Zusammenfassung. Ich habe mithilfe deiner Tipps in den letzten 2 Jahren meine Hautpflege komplett umgestellt und ja, es führt dazu, dass ich häufig keine „fancy“ Produkte mit coolen Designs mehr im Badezimmer stehen habe, sondern an Arztseife erinnernde Tuben, die man auch nicht nach Gutdünken in den Einkaufswagen gepackt hat, sondern nachdem man hundert verschiedene Inci-Listen gelesen hat 😀 aber meine neue Haut ist mir das alles sowas von Wert!
    Hier wurden schon viele tolle Beispiele für dämliche Werbetaktiken genannt…bei mir klingeln mittlerweile die Alarmglocken, wenn ich „Naturkosmetik“ lese. In 99% der Fälle deutet das auf aggressive Alkohole und mit Blümchennamen euphemisierte Allergene hin. Mein absoluter Negativ-Favorit ist „silikonfrei“, meistens bei Haarpflege. Ich bestehe auf meine Silikone 🙂

  2. Liebe Pia, ich finde wie immer deine Artikel und Gedanken hilfreich und hinreißend formuliert. Jedoch habe ich für mich entschieden so gut es geht keine Kosmetik mit Mineralöl zu verwenden. Deshalb greife ich oft zu Koreanische Kosmetik zurück. Jedoch ist es wie immer der Mittelweg der am ausgeglichensten ist. Wer heute auf Retinol, Hyaluron, Vit.C , Niacinamide & Co. verzichtet und lieber Kamille vorzieht, ist selber Schuld. Ich reagiere auch allergisch auf Duftstoffe (laut Hautarzt), aber verwende seit 100 Jahren immer noch mit Vorliebe Chanel Nr. 5. Also es ist der Mittelweg und wer recherchiert, der wird für sich das Richtige finde. Mein Großvater sagte immer: „Du bist nicht schuld wenn du dumm geboren wirst. Aber du bist selber schuld, wenn du es bleibst.“ Recherchieren, sich erkundigen, lesen und danach entscheiden und dank deinem tollen Blog ist es noch einfacher.

  3. Du sprichst mir aus der Seele! Rizin, Fingerhut, alles ganz natürlich. Und ich bin auch froh, in Zeiten zu leben, in denen Insulin synthetisch hergestellt werden kann und kein Schweinepankreas dafür durch die Mangel gedreht wird!
    Ein direktes Beispiel habe ich nicht, aber wenn ich „Detox“ höre oder „Nachdem sie auf dem Markt nichts finden konnte, was ihre empfindliche Haut ohne Toxine pflegen würde, beschloss sie, ihre eigene Hautpflegelinie zu kreieren…“ schalte ich direkt ab!

    Anne|Linda, Libra, Loca

    1. Liebe Anne, danke für Dein Feedback. Aber darauf können wir doch selbst bauen: Lass uns eine äußerst natürliche Kosmetiklinie auf die Beine stellen, die keine Chemikalia, keine Konservierungsstoffe, und gar nichts außer Natur enthält. Klingt das nicht gut? Gute PR-Leute werden uns ohnehin zu Seite stehen. 🙂 Hab einen schönen Sonntag!

  4. Immer wenn jemand sagt „Um Gottes Willen, natürliche Kosmetik ist so viel besser! Die Natur hat alles was uns gut tut!“ antworte ich genervt: „Rizin ist auch wunderbar natürlich!“
    Die Gleichung „Natürlich=Gut“ geht einfach nicht auf!

  5. Mein Lieblingsspruch ist immer noch „dermatologisch“ oder „augenärztlich getestet“. Das sagt Alles und Nichts. Und ich könnte mich darüber amüsieren (und auch ärgern), wie viele YouTuber dann genau mit diesem Spruch kommen und diesen dann als Argument für gute Produkte anbringen. Schade, dass da einfach nicht richtig recherchiert wird, da fehlt mir das Bewußtsein über die große Verantwortung, die heutzutage die YouTuber tragen. Aber das ist wahrscheinlich ein ganz anderes Thema… Dein Quiz hat mich ziemlich zum Lachen gebracht. Super Artikel, liebe Pia!

    1. Oh ja, wenn ich „getestet“ höre, frage ich mich sofort, „und was war das Ergebnis?“. Besonders, weil es ja auch „dermatologisch bestätigt“ gibt.

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