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Clean Beauty – Empfehlenswertes Konzept?

Clean Beauty what is it

„Clean beauty“ ist kein geschützter Begriff. Daher kann man das Konzept so verstehen, wie man will – oder: wie uns dies Kosmetikfirmen und -händler vorgeben.

Nach der Durchsicht einiger „clean beauty“ Beschreibungen seitens Hersteller und Online Shops, wird einem klar, dass die Idee mit einer Menge an Eigenschaften und Synonymen in Verbindung gebracht wird. In meinen Augen ergeben sich daraus hauptsächlich drei Claims: „Clean beauty“…

  1.  setzt auf Zusammensetzungen „ohne Chemie“ bzw. ist „chemiefrei“
  2.  betont „natürliche“, botanische, pflanzliche Komponenten
  3.  hebt das hervor, was die Formulierungen NICHT enthalten

Damit möchte ich mich heute auseinandersetzen.


Kosmetik „ohne Chemie“

Neulich hatte ich ein Gespräch mit einer Bekannten, die nur Kosmetik „ohne Chemikalien“ verwendet. Es ist ein Teil ihres „Lifestyle“.

Auf meine Frage, ob in der chemiefreien Kosmetik inkl. Hautpflege auch kein Wasser vorhanden ist, staunte sie: „Warum denn sollte ‚clean beauty‘ kein Wasser enthalten?“

„Weil Wasser eine chemische Verbindung ist – wie auch alles, was uns umgibt und woraus wir selbst bestehen.“

„Ah nein, nicht die Chemikalien meinte ich“ – erwiderte sie genervt, „sondern all die künstlichen, synthetischen Substanzen, Petrolatum, Konservierungsstoffe, chemische Sonnencremes…

Acha.

Erkenntnis Nr. 1: „Ohne Chemie“ bedeutet in der „chemiefreien“ Hautpflege nicht wirklich ohne Chemie, sondern ohne bestimmte Chemie…  Manche Chemikalien sind also besser als andere. Interessant wäre zu erfahren, anhand von welchen Kriterien Kunden die eine Sorte von der anderen unterscheiden.

„Was hälst Du denn von Aloe Vera in Hautpflege?“ – fragte ich anschließend.

„Aloe Vera ist doch natürlich!“ – antwortete sie zustimmend (sprich: willkommen in ihrer „clean beauty“ Welt)

Hm, Aloe Vera enthält aber ca. 200 chemische Substanzen! (hier)

Doch das ist wohl egal, denn diese chemischen Substanzen kommen natürlich vor. Kommen wir damit zu dem zweiten Aspekt von „clean beauty“ – das Konzept verwendet hauptsächlich natürliche Substanzen und lehnt synthetische Stoffe ab. 


Clean Beauty und natürliche Inhaltsstoffe

Bleiben wir bei dem Beispiel Aloe Vera. Aufgelistet sehen die einzelnen bioaktiven Chemikalien in einem Aloe Vera Saft folgendermaßen aus:

Water, Acetylated Glucomannan, Acetylated Mannan, Aldopentose, Aloe-emodin, Aloetic Acid, Alkaline Phosphatase, Alanine, Aloin, Amylase, Anthranol, Antracin, Antranol, Arachidonic Acid, Arabinog­alactan, Arginine, Asparagine, Aspartic Acid, Auxins, Barbaloin, Basitosterol, Bradykinase, Campestrol, Carboxylase, Carboxyp­eptidase, Catalase, Cellulase, Cholesterol, Choline, Chrysophanic Acid, Cinnamic Acid Esters, Cinnamonic Acid Ester, Cyclooxidase, Cyclooxy­genase, Cysteine, Emodin, Ethereal Oil, Folic Acid, Galactan, Galactog­alacturan, Galactog­lucoarabinomannan, Gibberillin, Glucogal­actomannan, Glucose, 8-C-Glusoly-(2′-O-cinnamoly)-7-O-methlyal­oediol, 8-C-Glucosyl-(S)-aloesol, 8-C-Glucosyl-7-O-methylal­oediol, 8-C-Glucosyl-noreugenin, 8-C-Glucosyl-7-0-methylal­oediol, Glutamine, Glutamic Acid, Glycine, Histidine, Isoaloeresin D, Isobarbaloin, Isoleucine, Isorabai­chromone, Kolin, Lectins, Leucine, Lignins, Linolenic Acid, Lipase, Lupeol, Lysine, Mannan, Mannose, Methionine, Neoalosin A, Pectic Substances, Peroxidase, Phenylal­anine, Phosphoe­nolpyruvate, Potassium Sorbate, Proline, Resistannol, Rhamnose, Salicylic Acid, Salts of Calcium, Chromium, Copper, Iron, Magnesium, Manganese, Potassium, Sodium and Zinc, Saponins, Serin, Sitosterol, Superoxide Dismutase, Threonine, Triglyce­rides, Triterpenoid, Tyrosine, Uric Acid, Valin, Vitamin A (Beta-Carotene), Vitamin B1 (Thiamine), Vitamin B2 (Riboflavin), Vitamin B3 (Niacin), Vitamin B5, Vitamin B6, Vitamin 12, Vitamin C, Vitamin E and Xylan (Quelle)

Laut einem israelischen Kosmetikformulator, Dr. Karl Laden, würde eine kosmetische Formulierung mit vier oder mehr botanischen (sprich: pflanzlichen = natürlichen) Substanzen über 200 unterschiedliche Chemikalien enthalten. (Quelle). Er schreibt:

„Anstatt synthetische Chemikalien hinzuzufügen, fügen viele Unternehmen Pflanzenstoffe hinzu. Obwohl es vielleicht besser aussieht als chemische Namen auf dem Etikett der Inhaltsstoffe und zum Trend der natürlichen Substanzen passt, passt das Auftragen so vieler anderer Chemikalien auf die Haut nicht wirklich zu den Grundsätzen der Clean-Beauty-Bewegung: d.h. nur das Nötigste anzuwenden.“ (Quelle

Das ist Formulieren und Herstellern (hoffentlich) bekannt.

Den Kunden aber offenbar nicht.

Fakt ist: Auch natürliche Substanzen, die wir im Garten einpflanzen, und von mir auch auch essen können, bestehen aus nichts anderem, als einer Reihe von Chemikalien.

„Chemiefrei“ gibt es nicht!

Wir müssen uns also im Klaren sein, dass jeder pflanzliche Inhaltsstoff aus einer Menge an Chemikalien besteht. Damit wird die Haut mit vielen Substanzen konfrontiert, die sie womöglich nicht verträgt.

In diesem Sinne sind synthetisch hergestellte Substanzen „sauberer“, da sie zum Teil viel weniger Chemikalien enthalten.

Klingt nach einem Paradox, nicht wahr?


Natürlich kann gut sein; muss aber nicht

Damit soll nicht gesagt werden, dass botanische Stoffe in Hautpflege schlecht sind. Die US-amerikanische Dermatologin Zoe Draelos (hier) schreibt dazu wie folgt (meine Übersetzung):

„Seit einiger Zeit spielen diverse Pflanzenextrakte, sog. botanicals, in Hautpflege eine Star-Rolle. Kosmetikformulierer halten Ausschau nach „neuen“ Blumen, Samen, Wurzeln, Blättern, Zweigen und Beeren. Sofern einige strenge Regel eingehalten werden, wie die Jahreszeit der Sammlung, die Wachstumsbedingungen der Pflanzen und eine geeignete Verarbeitung, kann man von Pflanzen wertvolle Inhaltsstoffe gewinnen. Beispiele sind etwa: Soja aus Sojabohnen, Curcumin aus Kurkuma (tumeric), Pycnogenol aus Pinienrinde oder aber Silymarin, Gingko biloba und Grüntee. Hochwertige Pflanzenextrakte enthalten etwa Flavones, Carotenoids und Polyphenols. Deren Wirkung ist entzündungshemmend und antioxidativ. Und dann haben wir auch Irritation mildernde Botanicals wie Allantoin oder Aloe Vera.“

Kurz: Es gibt natürliche Substanzen in Hautpflege – botanische Chemikalien –, welche für unsere Haut von Vorteil sein könnten. Darunter befinden sich diverse Polyphenole aus dem Grüntee oder Isoflavone aus Soja.

Sie sind jedoch weder besser noch sicherer als synthetische Stoffe.

Bei neuen, kaum erforschten Pflanzenextrakten muss man zudem auf deren potenzielles Irritationspotenzial aufpassen.


Auflistung von nicht enthaltenen Inhaltsstoffen

Als drittes Element, das der „clean beauty“ Bewegung gemeinsam ist, besteht in einer Werbung dafür, was ein Präparat nicht enthält. Beispiele:

„ohne Phthalates“

„ohne Konservierungsstoffe“

„ohne Mineralöle“

Dieser Trend hat sich inzwischen so stark durchgesetzt, dass es für den durchschnittlichen Kosmetikverbraucher wichtiger wurde, was ein Produkt nicht enthält, anstatt was tatsächlich drin ist.

Ich würde es begrüßen, könnte man bereits der Verpackung entnehmen, ob ein Pflegeprodukt Bestandteile von ätherischen Ölen, Sulfate, Ethanol, allergene Pflanzenextrakte und UV-Filter enthält. Solche Pflegelinien existieren bereits. Sie respektieren die gesunde Hautbarriere, kümmern sich um ein ausgewogenes Hautmikrobiom und vermeiden bekannte Reizstoffe.

Das ist aber nicht, was „clean beauty“ anstrebt. „Clean beauty“ geht es nicht in erster Linie um eine gesunde Hautbarriere, sondern um die Vermeidung von scheinbar „gefährlichen“ Stoffen in Hautpflege – wie etwa von Konservierungsstoffen. Mehr dazu weiter unten.

S. hier meinen Beitrag zu Hautpflege „ohne Konservierungsstoffe“ 


Worin liegt das Problem mit dem „clean beauty“ Movement?

Ihr habt sicherlich bemerkt, dass ich die Verbreitung des „clean beauty“ Trends, in derzeitigen Form, nicht gerade positiv sehe.

Und das aus mindestens drei Gründen:


Missachtung der Hautbarriere

Erstens finde ich das „clean beauty“ Konzept problematisch, weil hierdurch strikt zwischen Gutem und Bösem unterschieden wird. Und das Gute ist nicht unbedingt gut für unsere Haut.

Lasst mir den Punkt etwas ausführen.

Viele „clean beauty“ Hersteller unterscheiden strikt zwischen „Chemikalien“ und „Natur“ bzw. zwischen „synthetischen“ und „organischen“ Substanzen. Diese Unterscheidung führt dazu, dass „natürliche“ bzw. „organische“ Substanzen als sicherer, sauberer und besser verträglich für die Haut dargestellt werden. Das resultiert wiederum u.a. daraus, dass wir mit chemischen Namen weniger anfangen können als mit pflanzlichen.

Auch kommt hier die Assoziation mit Nahrungsmitteln ins Spiel: besser natürlich als verarbeitet. 

Als Konsequenz prägt sich in unserem Gehirn ein, dass es einen großen, und vor allem wichtigen, Unterschied macht, ob man Produkte unter dem Label „clean beauty“ verwendet oder Präparate mit bösen, synthetischen Substanzen.

Das Problem liegt darin, dass „clean beauty“ (wie auch „Naturprodukte“) oft reizende Stoffe enthalten, etwa allergene Pflanzenextrakte oder eine höhere Menge an konservierendem Alkohol, welche die Hautbarriere schädigen.

Damit kann das Etikett stolzerweise verkünden, dass ein Produkt „ohne Konservierungsstoffe“ auskommt, was aber nicht wahr ist. Die konservierende und beduftende Rolle übernehmen nämlich oft Reizstoffe, die in Hautpflege nichts zu suchen haben.

Weiter unten findet Ihr zwei Beispiele dafür:


„Ohne Konservierungsmittel“ ist selten vorteilhaft für die Hautbarriere

Als Beispiel dient etwa der Reinigungsschaum „Glücksmoment“ von Kneip, der angeblich „ohne Konservierungsstoffe“ auskommt (die als solche in der letzten EU-Verordnung definiert wurden). Stattdessen wurden dem Schaum zur Konservierung eine Reihe von Bestandteilen von ätherischen Ölen beigefügt – Citral, Linalool, Hexyl Cinnamal und Limonene. Diese wurden in der Forschung und inzwischen auch in der europäischen Kosmetikverordnung allesamt als Allergene definiert.

Außerdem wurden dem Schaum zwei ätherische Öle beigefügt, welche ebenfalls ein Risiko einer Hautirritation bzw. Hautallergie bergen (Wild Mint Oil und Texas Cedar Wood Oil). Sodium Levulinate und Sodium Anisate sind ebenfalls nichts anderes als Konservierungsmittel. 

Ein weiteres Beispiel für eine Konservierung von Produkten mit Alkohol und ätherischen Ölen ist etwa die Aqua Tuchmaske der Naturkosmetikmarke von DM Alverde. Das enthaltene Lavendelöl und dessen Bestandteile: Linalool, Limonene, Benzyl Salicylate, Geraniol und Citronellol gehören zum Teil zu starken Allergenen.

Parfümiert ist die Maske dazu auch noch.

Wenn also ein Produkt „ohne synthetische Konservierungsmittel“ und „ohne synthetische Duftstoffe“ hergestellt wird, heißt es bei Weitem nicht, dass es für unsere Haut(barriere) gut ist. 

Eine Liste von allergenen Duftstoffen und Pflanzenextrakten

Warum allergene Duftstoffe in Hautpflege unnötig und vermeidbar sind


Diskreditierung der Forschung

Zweitens finde ich den „clean beauty“ Trend problematisch, weil er durch die Betonung von natürlichen Stoffen und die Verachtung von synthetischen Substanzen einen großen Teil glaubwürdiger Forschung diskreditiert. Folglich werden Präparate, die keine „natürlichen“ Pflanzenextrakte bzw. Konservierungsstoffe enthalten, als „schmutzig“ und gefährlich dargestellt.

Darauf hat neulich DECIEM in einem Video zu Recht hingewiesen.

„Das Konzept ‚clean beauty‘ stellt  die Sicherheit und Wirksamkeit von Produkten in Frage, die nicht als „sauber“ gelten. Dabei wird die wichtige Arbeit von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt missachtet, die enorme Anstrengungen unternehmen, um die aktuelle Forschungslage zu evaluieren, und welche Produkte formulieren, die sowohl sicher als wirksam sind.“

Darin stimme ich überein.

Denn Hautpflege ist Wissenschaft! Ernsthafte Forschung sollte nicht diskreditiert werden, da wir sonst mit Hautirritationen und Hautkrankheiten da stehen, ohne zu wissen, wodurch sie verursacht wurden.


Manipulieren mit Gefühlen

Drittens sind solche Konzepte wie „clean beauty“, welche zwischen Gutem und Bösem differenzieren, deshalb abzulehnen, weil sie mit menschlichen Gefühlen spielen bzw. diese auszunutzen versuchen.

Welche Gefühle sind das? Etwa:

  • Angst vor Gesundheitsschäden
  • Risiko-Aversion
  • Neigung zum Denken: „natürlich ist besser“ (naturalistischer Fehlschluss)
  • Wunsch nach klaren Richtungsanweisungen, was gut und was schlecht ist (idealerweise in Anlehnung an „Autoritäten“)
  • Trost, gutes Gewissen

Zu dem Trend: „natürlich ist besser und sicherer“ tragen nicht zuletzt uninformierte Blogger, Influencer und Journalisten bei. Und weil der Trend eine ethische und moralische Komponente enthält sowie auf negativen Emotionen (hauptsächlich Angst) aufbaut, fühlen sich viele Menschen damit angesprochen.


Was ist gute Hautpflege?

Am Ende möchte ich in Punkten auflisten, was aus meiner Sicht gute, empfehlenswerte, hautfreundliche Hautpflege ausmacht:

Gute Hautpflege respektiert unsere Hautbarriere und das Hautmikrobiom.

Eine intakte, gesunde Hautbarriere mit einem ausbalancierten Hautmikrobiom schützt unsere Haut auf zweierlei Art und Weise:

    1. Dichte Hautbarriere schützt die Haut erstens von unerwünschten äußeren Einflüssen, indem pathogene Substanzen einen erschwerten Zugang in die Haut haben. Damit könnten Hautkrankheiten und Irritationen reduziert werden.
    2. Gesunde Hautbarriere schützt die Haut zweitens von innen, indem der Verlust von hauteigenem Wasser verhindert wird.

Was zeichnet aber Hautpflege genau aus, die Hautbarriere- und Hautmikrobiom-freundlich ist?


Elemente guter Hautpflege

Hauptelemente empfehlenswerter Hautpflege lauten wie folgt:

  • Sie enthält keine anerkannten allergenen Substanzen (d.h. Substanzen, welche in glaubwürdiger Forschung als Allergene dargestellt werden) (Beispiele: Citral, Ylang-Ylang Öl, Lavendelöl)
  • Sie hat einen pH-Wert geringer als 6.5 und idealerweise um 4.5-5.5.
  • Sie enthält keine toxischen Substanzen (d.h. Substanzen, welche in glaubwürdiger Forschung als toxisch bzw. phototoxisch dargestellt wurden) (Beispiele: Propylparaben, Isobutylparaben, Grapefruitöl)
  • Sie enthält keine Substanzen, welche in glaubwürdiger Forschung als hormonell wirksam gezeigt wurden (Beispiele: Oxybenzone, Methylparaben)
  • Sie verwendet ätherische Öle bzw. Alkohol nicht zur Konservierung von kosmetischen Formulierungen
  • Sie enthält keine harschen Tenside, welche Hautlipide zerstören (Beispiel: hoch konzentrierte Sulfate)
  • Sie enthält bekannte, durch die Forschung bestätigte hautberuhigende und entzündungshemmende Substanzen (Beispiele: Panthenol, Niacinamid, Bisabolol, Süßholzwurzel, Hafer, etc.)
  • Sie enthält bekannte, durch die Forschung bestätigte Antioxidantien (diese müssen nicht hoch konzentriert sein) (Beispiele: Vitamin C, Vitamin E, Green Tee)
  • Sie enthält bekannte, durch die Forschung bestätigte hautähnliche Feuchtigkeitsmittel und Lipide (Beispiele: Hyaluron, Sodium PCA, Glycerin, Ceramide, Cholesterol)

Solche Produkte können ebenfalls unter dem Label „clean beauty“ gefunden werden. Darauf kann man sich jedoch nicht verlassen, weil die (heutige) „clean beauty“ Bewegung nicht in erster Linie auf die Gesundheit der Hautbarriere ausgerichtet ist.

Mehr Tipps zum Aufbau einer guten Hautpflegeroutine findet Ihr hier

Hier könnt Ihr Eure eigene Pflegeroutine mithilfe von The Ordinary Produkten und von Drogeriepflege aufbauen


Clean Beauty und die Eigenverantwortung

„Clean beauty“ ist auf dem Vormarsch. Sogar Kosmetikfirmen, die mit dem Konzept inhaltlich nichts am Hut haben, optimieren inzwischen ihre Homepage-Inhalte auf den Begriff. Anstatt sich gegen die Abgrenzung bzw. Ausgrenzung zu wehren und die Kunden zu bilden, wird der Trend hingenommen und sogar unterstützt.

Ich finde die künstliche Differenz zwischen Gut = natürlich & Böse = synthetisch nicht angebracht, weil es bei den Menschen den Anschein erweckt, dass synthetische Inhaltsstoffe verdächtig, toxisch, böse & krebserregend sind.

Dabei ist natürlich für die Haut nicht automatisch besser, sondern in etlichen Fällen irritierend, sensibilisierend und allergen.

Damit soll nicht gesagt werden, dass alle kosmetischen Mittel, die unter dem Label „clean beauty“ auf dem Kosmetikmarkt erscheinen, schlecht für die Haut sind. Es geht nicht um einzelne Produkte, sondern um die Idee einer reinen bzw. sauberen Kosmetik. Diese zieht Assoziationen nach sich, die dem Kunden nicht unbedingt die Wahl von optimalen kosmetischen Produkten erleichtert.

Die „ohne“ Liste ist nur ein Teil der Formulierung. Den Rest muss der Konsument weiterhin in Eigenverantwortung erkunden.

Das zeigt nicht zuletzt die Übersicht von „clean beauty“ Produkten in den bekannten Online Shops. Drei davon schauen wir uns jetzt kurz an.


„Clean Beauty“ in Online Shops

Werfen wir einen Blick auf die Homepage von Douglas. Das Online Shop bietet nämlich eine interessante Definition von „clean beauty“: demnach sollen die darunter subsumierten Produkte nicht als „besser als“, sondern „frei von“ sein. Wird allerdings die Rubrik: „clean beauty“ auf Douglas angeklickt, erscheint eine Liste von Präparaten diverser Marken, ohne jegliche Erklärung, wovon sie eigentlich frei sind bzw. sein sollten (Drunk Elephant, St. Tropez, The Ordinary, Pixi, etc.).

Darunter findet man etwa das Clarifying Day Oil von Dr. Hauschka mit folgenden Allergenen: Linalool, Citronellol, Citral, Geraniol, Farnesol, Benzyl Benzoate, Limonene, Eugenol, Benzyl Salicylate.

„Frei von“ Allergenen ist die „clean beauty“ Kategorie von Douglas offenbar nicht.


Sephora bietet derzeit die Rubrik „cleany beauty“ nicht an. Stattdessen findet man auf der Menüliste des Shops eine Kategorie „Good for you„. Darunter verbergen sich Produkte, die zu mind. 90% natürlichen Ursprung sind.

Auf der Produktliste finden wir etwa einen physikalische Cleanser von Tata Harper mit einer Reihe von allergenen Bestandteilen von ätherischen Ölen.

Oder aber eine Cleansing Mask with Lemon von Christopher Robin mit allergenen Duftstoffen und zwei allergenen Konservierungsstoffen: Methylisothiazolinone und Methylchloroisothiazolinone, die aufgrund des gut bekannten Allergiepotenzials immer selter verwendet werden. Good for you? I doubt it.


Bei Lookfantastic findet man „clean beauty“ unter „Trending“ auf der Menüleiste. Über 1.200 Produkte haben in das Konzept geschafft.

Lookfantastic beauty Clean

https://www.lookfantastic.com | Zugriff am 6.6.2021

Auf der ersten Seite finden wir etwa ein Peeling von REN Clean Skincare mit allergenen Mandarinenöl, Süßorangenöl, Grapefruitöl, Tangerineöl, Limonene… und Parfüm.

Außerdem wird dort etwa eine Essence von Jurlique aufgelistet mit einer Reihe von allergenen Substanzen: Limonene, Linalool, Citronellol, Geraniol, Citral und Farnesol.


Datenbanken für Inhaltsstoffe und Produkte

Ich hoffe, dass Euch der Beitrag zu „clean beauty“ noch nicht zusätzlich verwirrt. Der moderne vielfältige, intransparente Kosmetikmarkt sorgt bereits für genug Unsicherheit darüber, was denn gute Hautpflege eigentlich bedeuten soll.

Was kann ein verwirrter Kunde somit tun, um die optimalen Pflegeprodukte zu finden?

Um die Eigenschaften einzelner Substanzen nachzuschlagen, könntet Ihr Datenbanken mit Inhaltsstoffen bemühen. Zu guten Datenbanken gehören etwa:

Um die Auswahl von empfehlenswerten Pflegeprodukten zu erleichtern, habe ich außerdem die Produktbewertungsplattform Skincare Helper ins Leben gerufen. Ich pflege die Seite alleine und sie verlangt noch sehr viel Arbeit. Allerdings könntet Ihr bereits jetzt nach Produkten suchen, welche mit dem Skincare Helper Siegel ausgezeichneten wurden.

„Clean Beauty“ als Kategorie wird auf Skincare Helper nicht aufgeführt, weil es nichts über die Eigenschaften der Präparate aussagt. Nach den Kategorien: Vegan oder Mikroplastikfrei könntet Ihr die Produkte jedoch durchaus sortieren.

Falls Ihr weitere Produktdatenbanken kennt, auf welche man sich verlassen kann, wo also die Gesundheit der Hautbarriere zum Hauptkriterium guter Pflege gehört (Codecheck ist es definitiv nicht!), listet Sie bitte gerne in den Kommentaren auf!


Clean Beauty – abschließende Gedanken

Unabhängig davon, wie „clean beauty“ definiert wird, sind Kosmetikfirmen, die unter diesem Label ihre Produkte auf den Markt bringen, keine Wohltätigkeitsorganisationen.

Vielmehr ist „clean beauty“ eine finanziell bestens prosperierende Business-Idee.

Es hängt nur von Dir ab, ob Du dem Marketing Storytelling oder lieber Deinem kritischen Denken Glauben schenkst.

Eure Pia

PS 1: Der Beitrag spiegelt meine Meinung über „clean beauty“ wieder. Auf Eure Meinung dazu bin ich äußerst gespannt!

PS 2. Eine Studie von 2020 ergab, dass Pflegeprodukte für Kinder, die als ökologisch bzw. natürlich gekennzeichnet waren, mehr Lebensmittelallergene enthielten (etwa Mandel, Soya, Weizen), als Produkte ohne den „natürlich“-Label. (hier) Insbesondere bei Pflegeprodukten für Babys und Kleinkinder, welche eine noch nicht völlig entwickelte Hautbarriere haben, sollte eine Warnung bezüglich dieser Inhaltsstoffe auf der Verpackung stehen. Bislang ist das nicht der Fall.


Beiträge zum Thema „clean beauty“ und Naturkosmetik

  Hautpflege aus essbaren Inhaltsstoffen – macht das Sinn?

  Rosenwasser – zwischen natürlich und allergen

  Phototoxische Inhaltsstoffe in Kosmetik 

Hier könntest Du den Beitrag mit jemandem teilen, der Interesse daran haben kann:

6 Kommentare

  1. Anni
    Juli 12, 2021 / 10:10 am

    Liebe Pia,
    danke für deinen tollen Beitrag – als Verbraucher mit nicht-chemischem Bildungshintergrund ist es wirklich nicht einfach, sich in dem Kosmetik-Dschungel zurecht zu finden. Ich würde mehr „offizielle“ Regeln zum Gebrauch von diesen ganzen Worthülsen („clean“, „für sensible Haut“, …) wirklich begrüßen… Auch die Datenbanken finde ich super spannend und werde sie mir genauer ansehen!
    Viele liebe Grüße und ich freue mich echt immer über neue Beiträge von dir 🙂

  2. Ruth
    Juni 30, 2021 / 8:51 pm

    Liebe Pia,
    Danke für Deinen Beitrag!
    Der Hype um „clean beauty“ und die mehr als undurchsichtigen Marketing Strategien haben mich so geärgert, dass ich mich darauf besonnen habe, dass ich eigentlich Chemikerin bin. Seit dem beschäftige ich mich intensiv mit INCI Listen und Inhaltsstoffen. Speziell Produkte für Kinder (ich habe einen 4jährigen Sohn) haben teilweise Inhaltsstoffe, die ich schwer bedenklich finde.
    Danke für Deinen informativen Blog und Skincare Helper – nur informierte Kundinnen können eine informierte Wahl treffen.

    Liebe Grüße Ruth

  3. Théa
    Juni 29, 2021 / 3:17 pm

    Danke für diesen großartigen Beitrag, liebe Pia! Ich bin zuletzt häufig auf „clean beauty“ als Schlagwort beim Einkaufen gestoßen und war schon fast von Vorfreude erfasst, weil „clean“ in der ersten Assoziation wirklich nach „wirkstofforientiert & ohne Schnickschnack“ klingt – um dann enttäuscht festzustellen, dass „clean beauty“ als Kategorie ungefähr so zuverlässig ist wie „Apothekenkosmetik“: nämlich so gut wie gar nicht.
    Es bleibt dabei, dass ich ewig lang an Regalen (oder in Inci-Listen in Online-Shops) stehe und Rückseiten studiere, um dann 99 Prozent der Produkte kopfschüttelnd zurück ins Regal zu stellen. Denn um die guten 1 Prozent zu kennzeichnen, müsste die Kosmetikindustrie eine zuverlässige Kategorie „Hilft tatsächlich“ entwickeln – und damit würde man sich ja ins eigene Bein schießen 😉

  4. Karo
    Juni 22, 2021 / 12:26 pm

    Gut, dass ich Deinen Blog & Insta lese und auf sowas wie clean Beauty etc. nicht mehr reinfalle ?

    • [email protected]
      Autor
      Juni 22, 2021 / 10:28 pm

      Das finde ich auch gut, Karo! 🙂

  5. Tina
    Juni 21, 2021 / 1:43 pm

    Hallo Pia,

    danke dir wieder einmal für deinen Beitrag! Ich gestehe, den Begriff „clean beauty“ kannte ich bislang noch nicht.

    Es ist momentan „hip“, alles mit der Umwelt und letztlich mit dem Artenschutz, Naturschutz und vor allem dem Klimaschutz zu verbinden. Ob es das letztlich tut oder nicht, soll den Kunden nicht interessieren; es wird ein gutes Gewissen verkauft. Bei diesem Kneipp-Schaum rollen sich mir die Fußnägel hoch, als zweiter Bestandteil gleich Sodium Laureth Sulfat. Es hat eine Ewigkeit gebraucht, für mich rauszufinden, warum ich immer Ausschlag auf der Kopfhaut habe. „Aus Versehen“ habe ich dann mal ein sulfatfreies Shampoo gekauft und war positiv überrascht. Da werde ich mir das doch nicht ins Gesicht „schmieren“. Ebenso diese ganzen ätherischen Öle. „Ist ja Natur!“. Eine Bekannte hat mir mal eine Creme/Reinigung, ich weiß es nicht mehr genau, mit Orangen- und Zimtöl gezeigt und auch von dieser „Natur“ geschwärmt. Ich erwähnte, dass das eher schlecht für ihre Haut sei. „Nein!“ Daraufhin brachte ich ihr beim nächsten Treffen ein Holzreinigungsmittel mit, basierend auf Orangenöl. Sie war dann beleidigt. 😉

    Viel wichtiger fände ich in diesem Zusammenhang den Verzicht auf Mikroplastik und derart wasserresistente Sonnencremes, die sich nicht beim Baden auflösen und letztendlich Korallenriffe zerstören. Das ist für mich „clean beauty“. Avène wirbt ja beispielsweise damit. Tierversuchsfrei sowieso.

    Hab‘ einen schönen Start in die neue Woche!
    Liebe Grüße,
    Tina

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