Ist Sonnenschutz wirklich gefährlich? Hautkrebs, Vitamin D und Korallen

Sonnenschutz gefährlich

Millionen Menschen meiden Sonnencreme aus Angst vor den Inhaltsstoffen – und setzen sich stattdessen freiwillig ungeschützt einer bekannten Krebsursache aus: der Sonne.

Ist das nicht verrückt?

Übersetzt heißt das: Jahrzehnte Hautkrebs- und UV-Forschung sollen falsch liegen und selbsternannte Wellness-Gurus sowie pseudowissenschaftliche Experten aus den sozialen Medien haben plötzlich mehr Autorität als Ärzte und Wissenschaftler.

Wenn wir nach einer Bezeichnung für das Phänomen suchen würden, könnten wir gerne von einem Realitätsverlust sprechen.


Wir glauben eher pseudowissenschaftlichen Experten mit Reichweite, nur weil sie Angst verbreiten, nur weil sie mit unseren Emotionen und Unsicherheiten spielen, nur weil sie lauter sind als die „echte“ Forschung…

Ich sage das jetzt bewusst als jemand, der selbst aus der Wissenschaft kommt. Ich habe fünf Jahre lang an meiner Doktorarbeit gesessen, an der Universität gelehrt und mich lange in akademischen Kreisen bewegt:

  • Wissenschaft ist nicht perfekt.
  • Nicht jede Veröffentlichung ist glaubwürdig.
  • Nicht jede Studie folgt den Standards guter wissenschaftlicher Praxis.

Wir müssen unbedingt kritisch bleiben.

Dennoch – für alle, die Wissenschaft ablehnen: Ohne Menschen, die täglich stundenlang in Laboren sitzen, jahrelang Daten auswerten, Experimente wiederholen, Studien kritisch hinterfragen und dabei oft unter enormem Druck arbeiten, wüssten wir heute schlicht gar nichts.

Es gäbe:

  • Keine Antibiotika
  • Keine Narkosen
  • Keine Chemotherapien
  • Keine Diagnostik, MRTs
  • Keine Organtransplantationen
  • Keine Intensivmedizin
  • Keine Prävention
  • Keine moderne Chirurgie
  • UND: Keine Lebenserwartung, wie wir sie heute kennen.

Da sollten doch eigentlich die Alarmglocken auf allen Ebenen läuten, oder? Und trotzdem wird es nicht erkannt!

Bei dem Thema Sonne und Sonnenschutz geht es nicht um Geschmacksfragen – Lippenstiftfarbe, Taschen-Design –, da sind uns Meinungen im Internet völlig egal. Auch geht es nicht in erster Linie um Falten und Pigmentflecken.

Es geht um DNA-Schäden. Um unsere Gesundheit. Und im schlimmsten Fall: um unser Leben.

Und genau deshalb schauen wir uns jetzt gemeinsam einige Mythen an – rund um Sonnenschutz und Sonnenstrahlen.  Einige davon sind gefährlich. Und ich verspreche Euch:

Bei manchen Dingen werdet Ihr wirklich überrascht sein, was tatsächlich wissenschaftlich belegt ist — und was zu modernen Internet-Märchen geworden ist.


Die Realität der Krebsdaten

Während Menschen darüber streiten, ob Sonnencreme angeblich gefährlicher ist als die Sonne selbst, dokumentiert das Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland jedes Jahr über 27.000 Neuerkrankungen beim malignen Melanom — also schwarzem Hautkrebs — und zusätzlich über 200.000 Fälle von hellem Hautkrebs. Das ist unsere Realität.

Hautbrems Robert Koch

In dem Bericht von 2023 heißt es:

„Das maligne Melanom gehört zu den aggressivsten Formen des Hautkrebses mit hohem Metastasierungspotenzial und trat im Jahr 2023 in Deutschland bei rund 27.430 Personen auf.“

Und: Die Erkrankungsrate steigt kontinuierlich seit 1999.

Und weiter:

„Wichtigster exogener Risikofaktor für ein malignes Melanom ist die ultraviolette (UV-)Strahlung, vor allem die wiederkehrende intensive Sonnenbelastung. Dies gilt sowohl für die natürliche Strahlung durch die Sonne als auch für künstliche UV-Strahlung zum Beispiel im Solarium. Sonnenbrände vor allem in jungen Jahren erhöhen das Risiko.“

Das behalten wir im Hinterkopf, während wir mit dem ersten Mythos starten.


Mythos – Das Sonnenschutz-Paradoxon

„Wenn die Sonnencreme so gut schützt und wenn immer mehr Menschen Sonnencreme verwenden – warum steigt die Zahl der Hautkrebsdiagnosen dann trotzdem?“

Das klingt vielleicht für viele sogar logisch? Und offenbar kommt es gut an. Das nennt man Sonnenschutz-Paradoxon. Und die Erklärung dafür ist recht simpel.

ERSTENS: Hautkrebs entsteht nicht durch den letzten Sommer. Er entsteht durch Jahrzehnte an UV-Schäden.

Viele Diagnosen heute sind das Ergebnis einer Zeit, in der:

  • Sonnenbrand normal war
  • Solarium Lifestyle war
  • Bewusst ein niedriger UVB-Schutz ausgewählt wurde und
  • UVA-Schutz praktisch nicht existierte.

Ich kann mich an Bräunungsöle mit einem SPF von 2 erinnern… Und bei meinem Urlaub auf den Malediven vor etlichen Jahren hatte ich eine Nivea-Creme mit Lichtschutzfaktor 15 dabei, wahrscheinlich fast ohne UVA-Schutz.

Das bedeutet: Wir sehen jetzt die Konsequenzen von früher, als kaum jemand eine vernünftige Sonnencreme regelmäßig benutzte. Nicht von heute.

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ZWEITENS: Sonnencreme verändert unser Verhalten. Und das ist wissenschaftlich gut belegt.

Nämlich: Menschen bleiben länger in der Sonne, weil sie sich geschützt fühlen.

Aber genau dadurch steigt die Gesamt-UV-Dosis – trotz Sonnencreme.

Denn kein Sonnenschutz schützt zu 100 % vor Sonnenlicht.

Keine Sonnencreme der Welt blockiert vollständig das UV-Licht.


DRITTENS: Die Allermeisten tragen viel weniger Sonnencreme auf, als benötigt wird. Oft tragen wir gerade mal ein Viertel bis maximal die Hälfte der Menge auf, mit der der SPF überhaupt getestet wurde. Das Problem ist also: Wir kaufen einen SPF 50… tragen dann aber nur einen kleinen Klecks auf… und denken trotzdem, wir laufen mit vollem Schutz durch die Gegend. Das ist schon mal ein Problem.

Was viele aber nicht wissen: Der Schutzfaktor verhält sich nicht wie eine einfache Matheaufgabe, bei der man durch die Hälfte der Menge einfach einen Sonnenschutzfaktor von 25 bekommt.

Nein. Der Schutz bricht deutlich stärker ein.

Das heißt: Aus einem SPF 50 kann in der Realität ganz schnell ein tatsächlicher Schutz von vielleicht nur noch SPF 7, 8 oder 10 werden — je nachdem, wie wenig Produkt verwendet wurde und wie die Formulierung war. Das macht diese falsche Sicherheit so gefährlich. Viele denken: „Ich habe doch Sonnencreme drauf.“

Ja… aber die Haut bekommt unter Umständen trotzdem massiv UV-Strahlung ab, weil der Schutzfilm schlicht nicht dick genug aufgebaut wurde.


Damit hängt noch ein Punkt zusammen: Viele Sonnencremes sind nicht wasser- oder schweißresistent formuliert. Der Schutz verabschiedet sich dann schneller von der Haut, weil wir die Creme einfach wegschwitzen. Man müsste die Sonnencreme theoretisch nach einigen Stunden wieder auftragen. Wer macht das? Kaum jemand! Nach der Arbeit gehen wir raus – in die pralle Sonne – und die Haut ist nur noch etwas geschützt.

Aber genau deshalb denken auch viele Menschen, Sonnencreme würde „nicht funktionieren“.

„Ich habe ja neue Pigmentflecken bekommen…“

Natürlich hast Du das! Aus den oben genannten Gründen! Was nicht funktioniert, ist die falsche Anwendung. Nicht die Sonnencreme (in der Regel)!


UVA / UVB: Das System, das niemand richtig erklärt

Wenn wir über die Sonne sprechen, sollten wir sie nicht wie „ein Ding“ behandeln.

DIE Sonne.

DIE UV-Strahlung.

DAS UV-Licht…

Darunter ist ein Komplex von völlig unterschiedlichen Mechanismen zu verstehen. Welche Strahlen sind für uns wichtig? Die UVB- und UVA-Strahlung.


UVB – der sichtbare Gegner

UVB ist das, was wir spüren: Sonnenbrand. Aber auch, was wir nicht sehen: Direkte Zellreaktion und akuter DNA-Schaden. Das UVB-Licht ist ein sehr wichtiger Risikofaktor für Hautkrebs.

Aber es verursacht auch Pigmentflecken – was viele nur UVA-Strahlen zuschreiben.

Die alte Unterscheidung – das B in UVB steht für Brand/Sonnenbrand und das A im UVA steht für Alterung – ist widerlegt bzw. als zu einfach dargestellt erklärt worden.

Denn: Beide Strahlentypen tragen zum Hautkrebs und zur vorzeitigen Hautalterung bei.

Nun aber – und das ist uns ziemlich klar:

UVB ist in Deutschland saisonal. Im Winter fast null, im Sommer hoch bis sehr hoch. Also eine Wellenbewegung.


UVA – der unterschätzte Dauerstress

Bei UVA-Licht ist die Lage etwas komplizierter. UVA-Strahlung schwankt ebenfalls, nur eben anders als UVB. Bei UVB haben wir in Deutschland – wie gesagt – einen wirklich extremen saisonalen Unterschied: Im Winter kommt hier teilweise fast gar nichts mehr am Boden an, während die Werte im Sommer explosionsartig ansteigen.

UVA verhält sich deutlich gleichmäßiger.

Die Strahlung ist also auch im Winter noch vorhanden — deshalb sprechen wir bei UVA oft von der „Hintergrundstrahlung“, die unsere Haut dauerhaft begleitet.

Auch UVA verändert sich abhängig von Jahreszeit, Sonnenstand, Tageszeit, Wetter und geografischer Lage.

Der Unterschied ist nur: UVA fällt im Winter eben nie komplett auf Null herunter wie UVB.

Und genau deshalb ist UVA so tückisch.

Wir bekommen keinen klassischen Sonnenbrand als Warnsignal… aber die Strahlung ist trotzdem da.

Auch an bewölkten Tagen.

Auch dann, wenn draußen gar nicht dieses typische „Sommergefühl“ herrscht.

Und auch hinter Fensterscheiben. UVA geht durch Fensterglas. Das heißt: Im Büro, im Auto, zuhause am Fenster seid Ihr UVA-Strahlen schutzlos ausgesetzt.

Und genau deshalb akkumulieren sich diese täglichen kleinen UVA-Dosen über Jahre hinweg im Hintergrund.


Warum ist das so schlimm? Was macht UVA im Körper?

UVA macht zwar keinen Sonnenbrand, aber biologisch passiert hier etwas unglaublich Wichtiges: oxidativer Stress – also die Bildung von freien Radikalen, die wiederum zu Kollagenabbau und Elastin-Schäden führen (das sind die Hautproteine, die unserer Haut Struktur geben; auch Hyaluronsäure wird dabei in der Menge reduziert).

Weiter ist UVA für Pigmentverschiebungen verantwortlich – also zur Entstehung von Pigmentflecken.

Und: Das UVA-Licht beteiligt sich ebenfalls an Hautkrebsprozessen – Hautkrebs wird immer noch oft nur UVB zugeschrieben, was inzwischen als falsch bewiesen wurde.

Deshalb – wenn Ihr das Mantra immer wieder hört, unter anderem von mir: 🙂

Tragt doch täglich einen Schutz, auch an bewölkten und kälteren Tagen, dann macht es einfach nur Sinn.

Die unsichtbaren UVA-Strahlen sind einfach da und zerstören Schritt für Schritt unsere Haut.


Vitamin D (der Klassiker, der alles dominiert)

Und jetzt kommen wir zu einem ziemlich emotional geführten Thema der gesamten Sonnenschutz-Debatte: Vitamin D. Denn das ist meistens der Punkt, an dem Menschen plötzlich sagen: „Ja okay… aber wir brauchen doch Vitamin D.“

Und ja, das stimmt auch. Vitamin D wird in unserer Haut durch UVB-Strahlung gebildet. Und Sonnencreme reduziert genau diese UVB-Strahlung.

Die eigentliche Frage ist also nicht: „Kann Sonnencreme die Vitamin-D-Synthese in unserem Körper beeinflussen?“

Denn natürlich kann sie das – theoretisch. Und genau an diesem Punkt wird die Diskussion online oft extrem unseriös geführt. Denn dort wird häufig so getan, als gäbe es nur zwei Optionen:

Entweder Sonnenschutz oder Vitamin D.

Keine Sonnencreme bedeutet für viele eine fantastische Vitamin-D-Synthese im Körper.

Sonnencreme hieße wiederum: Vitamin-D-Mangel, Osteoporose und alles, was damit zusammenhängt. Und genau dieses Schwarz-Weiß-Denken ist das Problem.


Vitamin D und Sonnenschutz – unklare Datenlage

Schauen wir uns die Datenlage mal an. Denn natürlich ist die Studienlage komplizierter, als viele behaupten. Es gibt nämlich sowohl Untersuchungen, in denen Sonnenschutz die Vitamin-D-Synthese reduziert hat, als auch Studien, in denen Menschen trotz korrekt verwendeter Sonnencreme weiterhin relevante Mengen Vitamin D gebildet haben.

Denn theoretisch ergibt das Ganze natürlich erst einmal Sinn:

Vitamin D entsteht durch UVB-Strahlung, und Sonnencreme reduziert UVB-Strahlung. Deshalb wäre es wissenschaftlich ehrlich gesagt eher überraschend gewesen, wenn Sonnenschutz gar keinen Einfluss auf die Vitamin-D-Synthese hätte. Und genau deshalb ist die Studienlage auch nicht komplett eindeutig.


Eine wichtige systematische Übersichtsarbeit von Neale und Kollegen im British Journal of Dermatology. Dort wurde die internationale Datenlage zu diesem Thema ausgewertet. Und das Ergebnis war ziemlich… interessant:

Unter Laborbedingungen konnte Sonnenschutz die Vitamin-D-Produktion durchaus reduzieren. In realitätsnäheren Studien und Beobachtungsdaten fand man insgesamt aber nur wenig Evidenz dafür, dass normale Sonnencreme-Nutzung bei gesunden Menschen automatisch zu einem klinisch relevanten Vitamin-D-Mangel führt.

Und jetzt kommt der Teil, den ich extrem wichtig finde: Die Autoren sagen gleichzeitig auch ganz offen, dass moderne Hochschutz-Produkte mit wirklich perfekter, großzügiger Anwendung bislang nur begrenzt untersucht wurden.

Und genau DAS ist die richtige Antwort. Nicht: „Sonnencreme hat definitiv gar keinen Einfluss.“ Aber eben auch nicht: „Sonnencreme macht uns kollektiv Vitamin-D-krank.“

Die Realität ist deutlich komplizierter. Denn die Menge von Vitamin D in unserem Körper hängt von unglaublich vielen Faktoren ab:

  • Wie oft wir überhaupt draußen sind
  • Wie wir leben
  • Wie alt wir sind
  • Wie unsere Haut beschaffen ist
  • Wie sieht die Jahreszeit aus
  • Wo wir geografisch leben (hier).

In 2025 erschien eine australische Studie, in der Testpersonen täglich einen SPF von 50 verwendet haben.

Nach einem Jahr fiel der Vitamin D Spiegel in dieser Sonnenschutz-Gruppe, verglichen mit der Kontrollgruppe, signifikant runter.

  • Die Wahrscheinlichkeit für einen Vitamin-D-Mangel (Wert unter 50 nmol/L) stieg durch die regelmäßige Anwendung: In der Sonnencreme-Gruppe wiesen am Ende der Studie 45,7 % einen Mangel auf, in der Kontrollgruppe waren es 36,9 %.

Die Schlußfolgerung der Autoren: Wer täglich hohen Sonnenschutz nutzt, sollte daher den eigenen Vitamin-D-Spiegel prüfen und gegebenenfalls über Nahrungsergänzungsmittel nachdenken.


Deutschland und Vitamin D

Wie ist die Lage in Deutschland? Die Daten des Robert Koch-Instituts zeigen tatsächlich, dass viele Menschen in Deutschland niedrige bzw. suboptimale Vitamin-D-Spiegel haben. Aber der Hauptgrund dafür ist eben nicht die Sonnencreme. Der Hauptgrund ist: Wir leben zu einem riesigen Teil unseres Lebens drinnen. Büro. Auto. Haus / Wohnung.

Und zusätzlich haben wir in Zentraleuropa ein ganz praktisches Problem:

In den Wintermonaten reicht die UVB-Strahlung hier oft schlicht nicht aus, um überhaupt eine relevante Menge an Vitamin D in der Haut zu bilden.

Das heißt: Von Herbst bis teilweise ins Frühjahr hinein bringt Euch ungeschützte Sonne (in Deutschland) in Bezug auf Vitamin D oft sowieso erstaunlich wenig.

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Robert Koch Institut, verlinkt

Risikoberechnung

Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Kern dieser gesamten Diskussion.

Wir verlieren in diesem Punkt völlig die Fähigkeit zur vernünftigen Risikoabwägung.

Wir sprechen hier auf der einen Seite über:

  1. DNA-Schäden,
  2. Photoaging,
  3. Pigmentstörungen,
  4. aktinische Keratosen
  5. und Hautkrebs. Also reale, medizinisch extrem gut belegte Schäden durch UV-Strahlung.

Und auf der anderen Seite sprechen wir über einen Nährstoff,

  • den wir messen können,
  • den wir überwachen können
  • und den wir bei Bedarf sehr einfach supplementieren können (natürlich nach ärztlicher Absprache).

Und genau deshalb ist diese aggressive Anti-Sonnenschutz-Haltung völlig daneben.

Bitte lass mich wissen, wie Ihr zu diesem Thema steht! Ich finde es völlig absurd, dass Menschen inzwischen bereit sind, ein erhöhtes Risiko für UV-Schäden inklusive Hautkrebs in Kauf zu nehmen… nur um keine kleine Vitamin-D-Tablette oder Vitamin-D-Öl zu sich zu nehmen.

Vitamin D kann man supplementieren.

Ein Supplement gegen Hautkrebs gibt es nicht.


Der Mythos um die Korallenriffe

Und dann haben wir noch ein weiteres Dauer-Internet-Märchen: die Korallenriffe. Das Narrativ klingt immer gleich: „Sonnencreme zerstört die Ozeane. Chemische Filter sind schuld am Korallensterben. Mineralisch ist die sichere Lösung.“

Und was würdet Ihr denken, wenn ich Euch sagen würde, dass das so nicht stimmt? Es ist – Surprise – etwas komplexer als das.

Was stimmt: Ja, es gibt Laborstudien, die zeigen, dass bestimmte UV-Filter wie Oxybenzon oder Octinoxat unter bestimmten Bedingungen negative Effekte auf Korallen, Algen oder andere marine Organismen haben können.

Deshalb wurden einzelne Substanzen in einigen Regionen wie Hawaii oder Palau auch reguliert oder eingeschränkt. Das ist die Grundlage, auf die sich viele beziehen.

Aber jetzt kommt der entscheidende Kontext, der online fast immer fehlt:

Diese Effekte wurden häufig in Labor-Setups untersucht — also unter stark kontrollierten Bedingungen. Und sehr oft auch in Konzentrationen, die deutlich über dem liegen, was in realen Meerwassersituationen typischerweise gemessen wird. Das heißt nicht, dass diese Studien falsch sind.

Aber sie bilden eben nicht die Realität eines Ozeans ab, in dem sich Wasser ständig bewegt, verdünnt, verteilt und organisch komplex reagiert. Und genau deshalb ist die wissenschaftliche Bewertung hier vorsichtiger, als es die Social-Media-Erzählung vermuten lässt.

Denn aus „unter Laborbedingungen beobachtbar“ wird nicht automatisch „das ist der Haupttreiber des globalen Korallensterbens“.

Aber nicht nur die unrealistischen Messmethoden sind hier das Problem.


Chemisch – schlecht, mineralisch – gut? Eben nicht!

Jetzt kommt der zweite große Mythos in dieser Debatte: „Mineralische Filter sind sicher, chemische Filter sind giftig.“ Auch das ist so nicht haltbar. Denn auch mineralische UV-Filter wie Zinkoxid oder Titandioxid sind nicht automatisch ökologisch neutral. Oh, was für eine Überraschung.

Sie können — abhängig von Partikelgröße, Beschichtung und Konzentration — ebenfalls Auswirkungen auf aquatische Organismen haben.

Zinkoxid wird in Sicherheitsdatenblättern sogar mit Umweltgefahren für Wasserorganismen gekennzeichnet, inklusive des bekannten Symbols für aquatische Toxizität.

Das bedeutet nicht, dass mineralische Sonnencremes gefährlich im Alltag sind.

Aber es bedeutet eben, dass diese klare Gut-Böse-Trennung zwischen „mineralischen“ und „chemischen“ Filtern wissenschaftlich betrachtet so nicht existiert.


Sonnenschutz und Korallensterben

Und dann kommt der vielleicht wichtigste Punkt überhaupt: Wenn wir uns anschauen, was wirklich für das weltweite Korallensterben verantwortlich ist, dann sind die großen Treiber ziemlich eindeutig:

  • steigende Meerestemperaturen durch den Klimawandel,
  • marine Hitzewellen,
  • Ozeanversauerung,
  • Abwasser- und Nährstoffeinträge
  • und allgemeine Umweltverschmutzung (mehr und hier).

Das sind die Faktoren, die ganze Riffe großflächig stressen und zum Bleichen bringen: ein komplexes Zusammenspiel vieler Umweltfaktoren. Und im Vergleich dazu sind UV-Filter aus Sonnencreme einzelne Gäste — selbst wenn sie lokal messbar sein können —, wissenschaftlich betrachtet, nicht der Hauptmotor dieses globalen Problems. Und genau deshalb ist der Begriff „reef safe“ auch so problematisch.

Er suggeriert: Verzichtet man auf einzelne UV-Filter, sind die Korallen safe. Was für ein Unsinn!

Wenn wir das Thema ernst nehmen, geht es nicht um die Verteufelung von Sonnenschutz oder chemischen UV-Filtern, sondern um mehr Forschung.

Ziel sind UV-Filter, die Haut und marine Ökosysteme gleichermaßen schonen. Kein Entweder-oder – sondern die Frage, wie wir beides besser machen, ohne dass wir wieder bei Panik und Polemik landen. Denkt Ihr, dass eine ruhige, ausgewogene Debatte darüber funktionieren könnte?


UV-Filter im Blut und im Urin

Und dann gibt es noch dieses Thema, das online immer sofort eskaliert: „UV-Filter im Blut und im Urin.“

Ja, das ist kein erfundenes Thema.

Wir wissen aus Studien tatsächlich: Einige UV-Filter sind nach dem Auftragen in sehr kleinen Mengen im Körper messbar. Das gilt hauptsächlich für ältere Filter, aber auch für einen modernen UV-Filter — Uvinul A Plus, der im Urin nachgewiesen wurde. Und genau da müssen wir kurz sauber bleiben und einmal durchatmen, bevor wir daraus wieder ein Internet-Drama machen.

Denn „messbar im Körper“ bedeutet erstmal genau das:

Es wurde analytisch nachgewiesen, dass kleine Mengen die Hautbarriere überwinden können. Mehr nicht.

Das ist kein Beweis für Toxizität und schon gar kein Beweis für ein Gesundheitsrisiko.

Denn in der Toxikologie ist die entscheidende Frage nicht: „Kann ich es messen?“, sondern: „Welche Dosis liegt vor — und hat diese Dosis überhaupt eine biologische Relevanz?“

Und genau hier ist die Datenlage aktuell eben nicht so, dass wir sagen könnten: „Das ist gefährlich.“

Gleichzeitig wäre es aber auch unseriös zu behaupten: „Das spielt alles keine Rolle, fertig.“

Denn ja — diese Biomonitoring-Studien sind wichtig. Und sie zeigen uns, dass wir moderne UV-Filter systemisch nicht komplett ignorieren können.

Aber was daraus online oft gemacht wird, ist wieder dieses typische Muster: Nachweis gleich Gefahr. Und das ist schlicht und ergreifend falsch. Das Richtige für den aktuellen Stand der Forschung ist:

Wir beobachten das. Wir bewerten das kontinuierlich. Aber wir ziehen daraus keinen Grund, den gut belegten Schutz vor Hautkrebs einfach wegzulassen.


Sonnenfilter im Urin verursichern

Nun aber – gerade wenn hier Eltern oder Großeltern mitlesen: Wenn man hört, dass UV-Filter im Körper nachweisbar sind, dann ist es absolut nachvollziehbar, dass das erstmal ein ungutes Gefühl auslöst.

Und dann kommt oft diese Frage: „Was, wenn sich später doch herausstellt, dass das ein Risiko ist?“ Und das ist eine faire Frage.

So funktioniert eben Wissenschaft – sie ist nie ein endgültiger Zustand, sondern ein Prozess. Und neue Daten können Dinge bestätigen, präzisieren oder auch verändern.

Aber genau deshalb müssen wir zwei Dinge gleichzeitig richtig einordnen.

Erstens: Wir haben aktuell keine belastbare Evidenz dafür, dass die normale Anwendung von Sonnenschutz beim Menschen zu gesundheitlichen Schäden durch diese systemische Aufnahme führt.

Dass der Filter im Urin auftaucht, zeigt Folgendes:

Die Haut hat eine minimale Menge aufgenommen, der Körper hat sie verarbeitet und scheidet sie jetzt ganz normal wieder aus.

Er lagert sie also nicht unkontrolliert im Gewebe ab, sondern entsorgt sie.

Zweitens — und das ist mindestens genauso wichtig: Wir haben eine extrem gut belegte, sehr direkte, sehr klare Gefahr durch UV-Strahlung. Das ist keine hypothetische Zukunftsfrage. Das ist unsere Realität, die wir seit Jahrzehnten sehr gut verstehen.

Selbst in der Wissenschaft arbeiten wir immer mit Risikoabwägung. Nicht mit absoluter Sicherheit. Und die Frage ist nicht: „Gibt es irgendwo theoretisch irgendein Risiko?“, sondern: „Was ist das größere, real belegte Risiko — und was ist kontrollierbar?“

Selbst wenn sich irgendwann neue Erkenntnisse zu einzelnen UV-Filtern ergeben sollten — dann ist die logische Konsequenz nicht, den Sonnenschutz komplett zu verwerfen, sondern Formulierungen zu verbessern, Alternativen zu entwickeln und die Forschung ernsthaft weiterzuführen.

Aber bis dahin bleibt der aktuelle Stand der Medizin ziemlich eindeutig: UV-Schäden sind real und sie sind gut dokumentiert. Und deshalb wäre es aus heutiger Sicht deutlich riskanter, auf Sonnenschutz zu verzichten, als ihn zu verwenden. Das ist meine Position – auch als Mutter.


Sonnenschutzprodukte für den Körper ohne Uvinul A Plus

Dennoch zeige ich Euch einige Sonnenschutzprodukte ohne Uvinul A Plus für den Körper – denn die Menge fürs Gesicht ist ohnehin verschwindend gering:

  • Körper-Sonnencreme Sensitive Expert von Garnier (Garnier): 
    Die Creme ist sehr beliebt, weil sie leicht auf der Haut ist; der Alkoholanteil liegt bei ca. 5 %, das ist nicht besonders viel. Sie enthält Octocrylen, das ich bei Kindern vermeiden würde, da sich der UV-Filter auf Kinderhaut als Allergen entpuppte. Für Erwachsene könnte man sie testen. Extra wasserresistent, parfümfrei.
  • Sunozon Med Sonnengel Med LSF 50 (SunOzon Gel): 
    Auch das Med Sonnengel ist für Kinder geeignet, ohne Alkohol und wasserresistent.
  • Sunozon Kids Sonnenspray Kids LSF 50 (SunOzon Spray): 
    Ähnlich formuliert wie das Gel, allerdings ist die richtige Dosierung mit einem Spray generell etwas schwieriger.
  • Avene Kinder Sonnenmilch SPF 50 (Link zum Produkt):
    Wasser-, sand- und schweißresistent, parfümfrei und alkoholfrei.

Fazit

Bei der Konzeption dieses Beitrags war mir in erster Linie wichtig, Fakten zu zeigen – sodass Eure Entscheidung für oder gegen einen Schutz auf Wissen und auf Fakten basiert.

Eure Pia

Beste Hautpflegeroutine bei der Hitze? Hier entlang!

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2 Kommentare zu „Ist Sonnenschutz wirklich gefährlich? Hautkrebs, Vitamin D und Korallen“

  1. Hallo liebe Pia!

    Danke für deine klarstellende Position zu Sonnenschutz. Ich hatte letztens bei dm eine ganze Reihe neuer Produkte der Eigenmarke „sundance“ entdeckt, mit teilweise echt guten Zusatzstoffen. Leider sind die aber nicht wasserfest, sonst hätte ich wohl zugegriffen. Und sie heißen „Serum“. Ein kurzer Blick in die Bewertungen zeigte dann auch, dass es auch wie ein Serum genutzt wird, in der Annahme, dass das reicht. „Das Serum ist sehr ergiebig; man braucht gar nicht so viel davon.“

    Du beschreibst treffend das Problem der Schwarmdummheit. „Wenn YouTuber/TikTok-Star/Insta-Profi das sagt, und der Cousin des Bäckers der Nachbarin meiner Tante auch, dann muss das einfach wahr sein!“ Gut zu beobachten auch bei Covid und sämtlichen Impfungen. Oder „Chemtrails“. Es ist teilweise nicht auszuhalten.

    Aber im Moment sind wir ja mittlerweile rund 82 Millionen Bundestrainer, da habe ich keine große Hoffnung, dass sich das jemals ändern wird. Vor allem wenn in obersten Regierungskreisen eigentlich fortschrittlicher Staaten selbiges vorgelebt und propagiert wird. 😐

    Liebe Grüße und ein schattiges, kühles Plätzchen!
    Tina

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