Warum Pflanzenöle kein zuverlässiger Sonnenschutz sind – und was Ihr darüber wirklich wissen solltet
Für viele von Euch klingt es wahrscheinlich absurd: Pflanzenöle als alleiniger Sonnenschutz? Und doch hält sich genau diese Idee hartnäckig – vor allem in sozialen Netzwerken, Blogs und Kommentarthreads. Wie bei vielen Hautpflege-Mythen verbreitet sich auch dieser in rasender Geschwindigkeit – oft unkritisch und leider gefährlich.
Aber wie sieht es wirklich aus?
Wie hoch ist der UV-Schutz von Pflanzenölen tatsächlich?
Können sie die Haut effektiv vor Krebs, Pigmentflecken oder dem Abbau von Kollagen schützen?
Und sind sie vielleicht sogar eine gesunde Alternative zur herkömmlichen Sonnencreme?
Lasst uns das gemeinsam klären.
Die Idee: Pflanzenöl statt Sonnencreme
In Online-Foren, auf Social Media und in Blogartikeln taucht immer wieder dieselbe gefährliche Behauptung auf: Konventionelle Sonnencreme sei unnötig – oder gar schädlich – und ließe sich einfach durch natürliche Alternativen ersetzen. Gerne wird dann empfohlen, sich mit Pflanzenölen wie Karottenöl, Himbeersamenöl oder Kokosöl vor UV-Strahlen zu schützen – sogar bei Kindern.
Woher kommt diese Idee?
Mythen mit fragwürdiger Studienbasis
Ein Hauptgrund ist die häufige Fehlinterpretation wissenschaftlicher Studien. Immer wieder werden Arbeiten zitiert, die entweder methodisch unhaltbar sind oder deren Ergebnisse falsch verstanden wurden. Besonders häufig wird ein Forschungspapier aus dem Jahr 2009 genannt: Darin wurde eine fertige Creme getestet, die unter anderem Karotte enthielt.
Wichtig:
Getestet wurde nicht das Karottenöl an sich – sondern eine komplette Pflegeformulierung mit vielen Inhaltsstoffen. Zudem gab es keinen Vergleich mit einer identischen Creme ohne Karotte. Das Ergebnis sagt also nichts über die isolierte Schutzwirkung von Karottenöl aus.
Ein Pflegeprodukt ist immer mehr als die Summe seiner Inhaltsstoffe. Konzentration, Zusammenspiel der Komponenten, Art der Lösungsmittel, pH-Wert – all das beeinflusst die Wirkung. Dass eine Creme mit Karotte einen bestimmten UV-Schutz hat, heißt noch lange nicht, dass Karottenöl allein diese Wirkung entfaltet.
Und war es überhaupt Karottenöl?
Die Sache wird noch absurder: In der zitierten Studie ist nicht einmal eindeutig von Karottenöl die Rede – sondern schlicht von „Karotte“. In der Kosmetik werden aber verschiedenste Karotten-Inhaltsstoffe verwendet: Extrakte, ätherische Öle, fette Öle. Was genau in der untersuchten Creme enthalten war, bleibt unklar.
Ob es sich also um Karottensamenöl handelt – oder vielleicht nur um ein ätherisches Öl oder einen wässrigen Extrakt – ist nicht ersichtlich. Damit ist die Aussagekraft der Studie in Bezug auf natürlichen UV-Schutz gleich null.
Laborwerte ≠ Hautschutz
Es gibt darüber hinaus einige Laborstudien, die die Absorptionsrate von Ölen untersucht haben. Klingt vielversprechend – doch solche Ergebnisse sagen leider wenig über die reale Schutzwirkung auf der Haut aus. Denn die Interaktion mit anderen Substanzen, die Stabilität unter Sonnenlicht und die Hautdurchlässigkeit spielen eine entscheidende Rolle.
Hinzu kommt: Natürliche Inhaltsstoffe sind nicht standardisiert. Ein Karottenöl aus dem Supermarkt A unterscheidet sich oft massiv von dem aus dem Bioladen B – je nach Herkunft, Ernte, Verarbeitung. Die Zusammensetzung schwankt stark – damit auch die Wirkung.
Warum Pflanzenöle überhaupt mit Sonnenschutz assoziiert werden
Ein weiterer Grund für den Mythos: In modernen UV-Filterformulierungen werden teilweise tatsächlich Pflanzenöle verwendet – etwa Granatapfelöl. Allerdings nicht als aktive UV-Filter, sondern als Trägersubstanzen, um die Stabilität und Wirksamkeit von chemischen Filtern zu erhöhen.
Diese technologischen Verfahren sind beeindruckend – aber daraus zu schließen, dass Pflanzenöle allein einen ausreichenden Schutz bieten, ist falsch.
Was sagt die aktuelle Forschung?
Die Studienlage ist eindeutig:
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2021 hat 14 pflanzliche Öle getestet – sowohl in vitro (im Labor) als auch in vivo (auf menschlicher Haut). Das viel zitierte Karottenöl kam dabei auf einen SPF (UVB-Schutzwert) von 3. Kokosöl schaffte es gerade mal auf 1. Eine andere Studie kam immerhin auf SPF 7 für Kokosöl – immer noch weit entfernt von einem akzeptablen Schutz.
Die neueste Studie von 2021 zeigte, dass die am meisten mit dem UV-Schutz in Verbindung gebrachten Öle einen sehr (!) niedrigen UVB-Schutz aufweisen (von einem UVA-Schutz ganz zu schweigen). (3)
14 Pflanzenöle wurden sowohl in vivo als auch in vitro getestet. Hier das Ergebnis:

Das heißt im Klartext:
Pflanzenöle schützen Eure Haut nicht ausreichend vor UV-Strahlen.
Und das bedeutet: Kein Schutz vor Hautkrebs, Pigmentstörungen oder Kollagenabbau.
Natürlich klingt „natürlich“ gut – aber reicht das aus?
Viele, die auf Pflanzenöle schwören, lehnen konventionelle Sonnencremes aus Angst vor „Chemie“ ab. Diese Einstellung hat oft ideologische, manchmal auch wirtschaftliche Gründe – etwa bei Influencern oder Anbietern „natürlicher“ Alternativen.
Doch gerade beim Thema Sonnenschutz geht es nicht um Lifestyle oder Ideologie – sondern um Gesundheit. UV-Strahlung ist der wichtigste Risikofaktor für Hautkrebs. Und ein effektiver Schutz erfordert wissenschaftlich getestete und zugelassene Produkte.
Pflanzenöle können wertvoll für die Hautpflege sein – aber nicht als UV-Schutz.
Argumente gegen „chemischen“ Sonnenschutz werden nun teilweise von Menschen genutzt, die obsessiv gegen “Chemie” und dadurch automatisch gegen effektive Sonnenschutzprodukte vorgehen.
Nun, alles, was uns umgibt, setzt sich aus chemischen Verbindungen zusammen – sogar das Karottensamenöl.

Das sind doch lauter chemische Verbindungen, die in einem Karottenöl stecken, oder? 🙂
Euer Hautschutz ist zu wichtig für Mythen
Wenn Ihr also gerne Karottenöl oder Himbeersamenöl in Eurer Pflegeroutine verwendet – wunderbar! Doch verlasst Euch nicht auf deren Sonnenschutzwirkung. Und vor allem: Schützt Eure Kinder mit einem zuverlässigen, dermatologisch getesteten Produkt. Achtet auf bekannte Marken, europäische Zulassungen und transparente Formulierungen.
Und wenn Euch das Thema „Clean Beauty“ und der Umgang mit „natürlicher Kosmetik“ interessiert – ich habe dazu ein ausführliches Video gemacht. Ihr findet es in der Infobox.
Fazit: Wissenschaft statt Wunschdenken
Natürliche Hautpflege ist etwas Schönes. Aber wenn es um Sonnenschutz geht, reicht ein gutes Gefühl nicht aus. Die Herstellung sicherer, wirksamer Sonnencremes ist ein hochkomplexer Prozess – nichts, was ein einfaches Öl leisten kann.
Ein SPF von 3 schützt nicht. Auch nicht, wenn er „natürlich“ ist.
Also, Hand aufs Herz:
So, und jetzt seid bitte ehrlich: Wer von Euch verwendet Pflanzenöle als Sonnenschutz? Meldet Euch bitte in den Kommentaren und hinterlasst dabei zugleich Eure Adresse. Ich komme vorbei. 🙂
Eure Pia
Quellen: (1) Gabriela Badea, Ioana Lăcătuşu, Nicoleta Badea, Cristina Ott, Aurelia Meghea, (2015): Use of various vegetable oils in designing photoprotective nanostructured formulations for UV protection and antioxidant activity, Industrial Crops and Products, 67, 18-24
(2) Montenegro, Lucia, and Ludovica Maria Santagati. 2019. „Use of Vegetable Oils to Improve the Sun Protection Factor of Sunscreen Formulations“ Cosmetics 6, no. 2: 25
(3) Ácsová, A., Hojerová, J., Janotková, L. et al. (2021): The real UVB photoprotective efficacy of vegetable oils: in vitro and in vivo studies. Photochem Photobiol Sci 20, 139-151
Danke für diesen Artikel! Kenne auch Leute, die Öle statt Sonnencreme verwenden, weil Sonnencremes hormonell wirken und Krankheiten verursachen würden.
Hej Pia,
das ist irgendwie witzig, weil man mich als (Klein-)Kind jahrelang an die italienische Adria gesetzt hat, mal mit Hut, mal mit Schirm + tadaaa: Tiroler Nussöl, LSF von geschätzt 5. (in den 60ern und 70ern des vergangenen Jahrhunderts war so vieles möglich 🙃.) Ich danke es heute in erster Linie mit vergrößerten Poren; es hätte schlimmer kommen können.
Hab‘ noch einen schönen Abend!
Liebe Grüße,
Tina
Danke, Tina. Ja, ich hatte wiederum gerne Kokosöl verwendet, als Teenager. Nicht aber, um mich vor dem UV-Licht zu schützen, sondern um eine noch schönere Bräune zu bekommen… (in den 90ern war also auch noch Einiges möglich). Tja, das Resultat ist definitiv eine vorzeitige Hautalterung – Fältchen, die deutlich zu früh kamen, und Pigmentflecken. Daher hoffen wir, dass sich die jungen Menschen in diesem Jahrhundert doch anders überlegen werden. 🙂
Und es roch so gut… 😄
Haha, ja… das kam auch noch dazu. 🙂