Wird Retinol in der EU verboten?

Wird retinol verboten EU

Ich erhalte von Euch immer mehr Fragen in Bezug auf einen vermeintlichen Verbot von Retinol in Europa.

Wird Retinol in der EU verboten?

Nein. Die Konzentration von Retinol in Gesichtsprodukten wird allerdings auf 0.3% reduziert.

Und wie viel war bislang erlaubt? Die Kosmetikverordnung der EU von 2009, welche u.a. u.a. die Höchstgrenzen von diversen Wirkstoffen in Kosmetik regelt, hat bis heute keine Obergrenze für den Einsatz von Retinol in kosmetischen Mitteln festgelegt. Dies soll sich jetzt ändern.

Da ich keine deutschsprachige Internetseite fand, welche die aktuelle rechtliche Lage zu dem Thema erklärt, möchte ich Euch diese heute kurz und hoffentlich verständlich skizzieren.


Januar 2012

Der Anstoß dazu, den Höchsteinsatz von Vitamin A in Kosmetik in den EU-Mitgliedstaaten zu regeln, kam in 2012 aus Deutschland: Im Januar 2012 erhielt die Europäische Kommission ein Dokument des Bundesinstitutes für Risikobewertung, in dem für eine Einschränkung der eingesetzten Konzentration von Retinol und Vitamin A Ester plädiert wurde.

Begründet wurde der Appell

  • erstens mit der zunehmenden Anzahl von Produkten mit Vitamin A,
  • zweitens mit steigenden Konzentrationen des Wirkstoffs in Kosmetik
  • und drittens mit dem technologischen Fortschritt, der u.a. zu einer erhöhten Penetration von Wirkstoffen in Kosmetik führt (das Dokument in deutscher Sprache v. 2014 könnt Ihr hier lesen: BfR über Vitamin A).

Oktober 2016

Vier Jahre später hat der Wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit der EU (Scientific Committee on Consumer Safety, SCCS) eine Stellungnahme zum Einsatz von Vitamin A (Retinol, (Retinol Palmitat und Retinol Acetat) in Kosmetik vorgelegt (SCCS/1576/16).

Darin wurden folgende Einsatzkonzentrationen von Retinol als – per se – sicher bewertet:

  • bis 0.3% Retinol in Handcremes und Gesichtscremes sowie in abwaschbaren Produkten
  • bis 0.05% Retinol in Körperpflegeprodukten

Oktober 2022

Nach der Bewertung der sicheren Anwendung von Retinol von SCCS haben zwar diverse Fachgremien „im Hintergrund“ über die Höchst-Einsatzgrenze von Vitamin A als kosmetischen Inhaltsstoff debattiert. Dennoch hat das Dokument lange Zeit keine rechtlichen Konsequenzen nach sich gezogen.

Erst sechs Jahre später wurde die Stellungnahme von 2016 überarbeitet: Im Oktober 2022 hat die SCCS ein korrigiertes wissenschaftliches Gutachten zum Vitamin A (Retinol, Retinyl Acetat, Retinyl Palmitat) veröffentlicht (SCCS/1639/21).

Was war neu in der überarbeiteten Stellungnahme zu Vitamin A in Kosmetik?

  • Zum einen hielt die SCCS – auch nach der Analyse der seit 2016 hinzu gekommenen Studien – daran fest, dass die Konzentration von Retinol bis 0.3% in Handcremes und Gesichtscremes sowie in abwaschbaren Pflegepräparaten und bis 0.05% in Körperpflegeprodukten als sicher eingestuft werden soll (also: nichts Neues)
  • Zum anderen ging die SCCS diesmal stärker darauf ein, dass der Gesamtkonsum von Vitamin A in der Bevölkerung deutlich höher ausfallen kann als angenommen wird.

Dabei wurde betont, dass die wichtigste Vitamin A Quelle die Ernährung darstellt – gefolgt von Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetik. Alleine die Zufuhr von Lebensmitteln reich an Vitamin A kann in der am meisten exponierten Bevölkerungsgruppe (um 5%) bereits sehr nah an die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) festgelegte Obergrenze liegen.

Referenzwerte für Vitamin A laut EFSA:

  • 750 μg Männer
  • 650 μg für Frauen
  • 250 to 750 μg für Kinder
  • 700 μg für schwangere Frauen

Das würde bedeuten, dass jede zusätzliche Quelle von Vitamin A, einschließlich Kosmetikprodukten, diese Obergrenze überschreiten könnte.

Diese Erkenntnis sollte somit, laut der SCCS-Stellungnahme von 2022, zu einer Änderung (bzw. einem zusätzlichen Eintrag im Annex III) der EU-Kosmetikverordnung von 2009 führen, damit die Höchstkonzentration von Retinol in Kosmetik auch rechtlich – und somit für Kosmetikhersteller verbindlich – verankert werden kann.


Sommer 2023

Ab dann kommt der Änderungsprozess der EU-Kosmetikverordnung in Bezug auf den Einsatz von Vitamin A in kosmetischen Mitteln in den Schwung. Bereits im Juni 2023 teilte die Europäische Kommission der Welthandelsorganisation (WTO) die Änderung des Regulierungsstatus von Vitamin A in Kosmetik mit.

Doch ab wann sollten die neuen Regelungen in Bezug auf den Einsatz von Vitamin A in Kosmetik gelten?

Wann tritt die Änderung der EU-Kosmetikverordnung in Kraft?


Ab wann wird Retinol in Kosmetik reduziert?

Jetzt wird es praktischer:

Die Modifikation der EU-Kosmetikverordnung (Annex III) soll im letzten Quartal 2023 angenommen werden. 20 Tage nach der offiziellen Mitteilung der EU sollte die Änderung in Kraft treten – d.h. wahrscheinlich bis Ende 2023.

Der Kosmetikindustrie wurden dabei zwei Übergangsfristen gewährt:

  • 18 Monate für die Neuformulierung und Vermarktung von Ersatzprodukten (d.h. bis zum 2. Quartall 2025)
  • 36 Monate für das Herausnehmen der nicht-konformen Kosmetik aus dem Markt  (d.h. bis zum 4. Quartall 2026)

Das heißt, Kosmetikfirmen haben 1.5 Jahre Zeit – bis Frühling 2025 –, um neue Retinolprodukte auf dem EU-Markt zu platzieren (bzw. diese zu überarbeiten).

Doch die alten Formulierungen dürfen noch bis Ende 2026 verkauft werden.


Ist Retinol in Kosmetik gefährlich?

Nein. Retinol in kosmetischen Mitteln inkl. Hautpflege kann sorgenfrei verwendet werden (Ausnahmen: Schwangerschaft und Stillzeit).

Bei dem Thema rund um Vitamin A geht es viel mehr darum, mit dem Verzehr von Vitamin A nicht zu übertreiben, weil dies zu einer verminderten Knochendichte (Osteoporose) und Leberschäden führen kann. Wird das Vitamin A in der Nahrung und Nahrungsergänzungsmitteln in erheblichen Mengen verzehrt, kann jedes zusätzliches Aussetzen gegenüber Vitamin A, einschließlich in Kosmetik, die (von der EU als sicher festgelegte) Obergrenze überschreiten.

Kurz: Man sollte ein Auge darauf haben, wie unsere tägliche Gesamtaufnahme von Vitamin A ausfällt – oral über Nahrung und Nahrungsergänzungsmittel sowie über die Haut – in Seren und Cremes mit Retinoiden.


Ist die Einschränkung von Retinol übertrieben?

Zusammenfassend: Wird Retinol in der EU verboten? Nein. Dessen Menge wird in Hautpflegeprodukten jedoch stark eingeschränkt.

Hat die EU mit der Regulierung der Höchstkonzentration von Vitamin A in den Kosmetikmarkt unnötig eingegriffen?

Ich glaube nicht, dass man die Frage sinnvollerweise beantworten kann (abgesehen von der individuellen Einstellung zum Wirtschaftsliberalismus und zur Staatskontrolle :)). Denn die Berechnungsmodelle, welche Fachstudien und anschließend der Bewertungen von SCCS zu Grunde liegen, sind oft kaum miteinander vergleichbar.

Die Frage also, ob jemand mehr Retinol in einem Serum verwenden könnte, wenn sie/er keine Nahrungsergänzung mit Vitamin A zu sich nimmt, kann schwer eingeschätzt werden.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) liegt jedoch alleine der Zufuhr von Vitamin A aus Lebensmitteln & Co in Deutschland bereits sehr hoch:

„Laut Nationaler Verzehrsstudie (NVS II) liegt der tägliche Verzehr von Frauen bei 1.000 µg RE/Tag und von Männer bei 1.200 µg RE/Tag und damit über dem Referenzwert für Erwachsene. Die Hauptlieferanten für Vitamin A sind Fleisch, Fleischerzeugnisse und Wurstwaren sowie Gemüse für Carotinoide.“ (DGE)

In diesem Artikel der DGE findet Ihr auch Referenzwerte für Lebensmittel mit Vitamin A.


Vorsicht bei exzessiven Einnahme von Vitamin A

Zugleich verweist die DGE darauf hin, dass eine „Vitamin-A-Überversorgung durch eine hohe Zufuhr von natürlicherweise in Lebensmitteln vorkommendem Vitamin A kaum möglich (ist).“ Dies kann allerdings bei einer exzessiven Einnahme von Vitamin-A-Präparaten (z. B. als Nahrungsergänzungsmittel) oder bei einem übermäßiger Verzehr von Leber zu Stande kommen.

Für mehr Vorsicht bei der Einnahme von Vitamin A als Nahrungsergänzungsmittel appelliert auch das Öffentliche Gesundheitsportal Österreichs „denn eine dauerhaft überhöhte Zufuhr an Vitamin A kann zu Hautveränderungen und Leberschädigungen führen. (…) Eine Überdosierung über einen längeren Zeitraum kann neben akuten Beschwerden wie Kopfschmerzen auch chronische Erkrankungen wie Haut- und Skelettveränderungen sowie Lebervergrößerung und Gelbsucht bis hin zur Zirrhose mit sich bringen.“ Besonders schwangere Frauen sollten eine Überdosierung von Vitamin A vermeiden.

Doch noch einmal: Das eigentliche Problem liegt in der potenziellen Überdosierung von Vitamin A aufgrund von Nahrungsergänzung und eventuell Nahrungsmitteln.

Falls sich jemand daher entscheiden sollte, höher konzentrierte Retinolprodukte aus Großbritannien oder anderen Ländern zu besorgen, wird es eine individuelle Entscheidung bleiben.


Was ist mit Retinal?

Wird Retinal mit einer Einschränkung bis 0.3% ebenfalls betroffen?

Nein. Den Hintergrund dafür kenne ich nicht. Angesichts dessen, dass Retinal potenziell stärker als Retinol wirken kann (hier Studie dafür, wo Retinal genauso stark als Tretinoin abschnitt, das wiederum stärker als Retinol wirkt), ist das Ausbleiben der wichtigen Form von Vitamin A in der Ergänzung der EU-Kosmetikverordnung unklar.

Falls jemand mehr dazu weiß, bitte ich um eine kurze Mitteilung.

Mehr zu Retinal und der Umwandlungskette von Retinol über Retinal zur Retinsäure findet Ihr in diesem Blogbeitrag über Retinoide


Beste Produkte mit Retinol

Wir haben oben gesehen, dass die Übergangsphase für das Herausnehmen von Retinolprodukten in einer höheren Konzentration als 0.3% (bzw. 0.05%) etwas länger dauern wird. Wie lange? Das wird sehr wohl davon abhängen, wie schnell die höher konzentrierten Produkte ausverkaufen werden.

Hier findet Ihr beste Seren mit Retinol bis 0.5% und hier mit Retinol bis 1%.

Anmerkung: 0.3% Retinol ist nicht wenig und kann die Haut durchaus irritieren!


Falls Du in einem Video erfahren möchtest, wie Retinoide wirken und welche Art davon für Deine Haut am besten passt – melde dich doch gerne für meinen Hautkurs an

Hautkurs Alles über Hautaufbau Wirkstoffe


Zum Nachschlagen:

EU-Kosmetikverordnung (in deutscher Sprache)

Scientific Committee on Consumer Safety, SCCS OPINION ON Vitamin A (Retinol, Retinyl Acetate, Retinyl Palmitate), adopted at its 2nd plenary meeting on 6 October 2016 (SCCS/1576/16)

Scientific Committee on Consumer Safety, SCCS REVISION of the scientific Opinion (SCCS/1576/16) on vitamin A (Retinol, Retinyl Acetate, Retinyl Palmitate), adopted during the plenary meeting on 24-25 October 2022 (SCCS/1639/21)

European Food Safety Authority Journal (2015): Scientific Opinion on Dietary Reference Values for vitamin A, 2015, Volume 13, Issue 3

Veraldi S, Rossi LC, Barbareschi M. (2016): Are topical retinoids teratogenic?, in:  Ital Dermatol Venereol., Dec;151(6):700-705
Creidi P, Vienne MP, Ochonisky S, Lauze C, Turlier V, Lagarde JM, Dupuy P. (1998): Profilometric evaluation of photodamage after topical retinaldehyde and retinoic acid treatment, in: J Am Acad Dermatol. Dec;39(6):960-5

16 Kommentare zu „Wird Retinol in der EU verboten?“

  1. Ich finde es immer wieder erschreckend das kaum jemand darauf hinweist das man Retinol vor einer Schwangerschaft abzusetzen hat. Frauen müssten abtreiben da Retinol in der SS zu schweren Missbildungen führen kann. Auch wird kaum drauf hingewiesen das Retinol Gebrauch unbedingt mit einem SFP 50 Sonnenschutz zu tragen ist. Daher nämlich der Link zu Krebs.

    1. Danke, Nastya. Retinsäure (verschreibungspflichtig) kann sich auf das Embryo negativ auswirken; Retinol aber nicht. Dazu gibt es keine Beweise; die Wirkung ist zu schwach. Dennoch rate ich von der Verwendung von Retinoiden bei Schwangerschaft und Stillzeit ab. Auch die allermeisten Kosmetikfirmen schreiben den Hinweis inzwischen auf der Homepage bzw. der Kosmetikverpackung. Das war aber noch vor Kurzem nicht der Fall.

  2. Hallo Pia, vielen Dank für die Information!

    Auf der Suche nach Alternativen bin ich auf NovoRetin gestoßen. Sagt dir das etwas? Wenn ja, was hältst du davon?

    1. Hallo Karin! Das NovoRetin basiert auf Pistacia lentiscus (Mastix). Es gibt vereinzelte in vitro Studien, dass es a) bei Neurodermitis helfen kann (Einsatz von 3-5%) b) dass es “anti aging” wirkt. Aussagekräftige Studien an Menschen gibt es glaube ich nur die vom Hersteller, wo die Einzelheiten nicht bekannt sind (außer, dass nach 28 Tagen die Hautdichte um 20% gestiegen ist, was so gut wie unmöglich ist). Also: Abwarten und schauen, was die neuesten Studien bringen. Wenn das ein neues Bakuchiol ist, umso besser für uns. Derzeit ist es aber nicht klar, was die Pflanze wirklich kann. 🙂
      Viele Grüße, Pia

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