Sunday Riley, fake Reviews und wie ehrlich die Kosmetikwelt (noch) ist?

Heute möchte ich Euch auf ein beunruhigendes Phänomen hinweisen: Fake Reviews auf Online Portalen bzw. online Shops. 

Neulich ging durch die internationale Skincare Community eine Empörung über das Verhalten einer Kosmetikfirma namens Sunday Riley. Das US-amerikanische Kosmetikunternehmen stellt vergleichbar teure Pflegeprodukte her, die man bei der online Suche nach empfehlenswerten Pflegepräparaten auf vielen Internetseiten zu sehen bekommt. Das Euch wahrscheinlich bekannte Good Genes Serum von Sunday Riley (ca. 130€) hat sich beinahe einen Kult-Status erobert und gehört seit Jahren unverändert zu Lieblingspflegeprodukten vieler Magazinjournalisten, Youtuber und Blogger.

Das mag sich jetzt ändern.

Ein ehemaliger Mitarbeiter von Sunday Riley hat auf Reddit eine E-Mail eines Vorgesetzten veröffentlicht. Darin wurden die Mitarbeiter zum Schreiben von Reviews über Sunday Riley Produkte auf Sephora aufgerufen (Die Story findet Ihr hier, Zugriff am 18.10.2018. Das Screenshot der E-Mail findet Ihr hier. Falls es inzwischen entfernt wurde, diene ich gerne mit einem eigenen Screenshot.)

Das pikante dabei ist, dass die Sunday Riley Mitarbeiter nicht dazu ermutigt wurden, über ihre Eigenerfahrung mit Pflegepräparaten der Firma zu berichten. Vielmehr wurden sie exakt in mehreren Punkten aufgeklärt, was sie sagen sollten und wie die Konkurrenzprodukte im Vergleich (schlecht) dargestellt werden sollten.

So sollten die Mitarbeiter von Sunday Riley sicher stellen, dass die Reviews positiv ausfallen und dadurch helfen, das Vertrauen (!) in deren Produkte zu generieren. Schreiben sollten sie zumindest drei Reviews für eine neue Gesichtsmaske für unreine Haut (Saturn Sulfur Acne Treatment Mask) und ein paar Berichte für Hautpflege aus dem Kit Space Race.

Weiterhin wurden die Reviewer instruiert, zuerst zu drei bzw. vier anderen Produkten auf Sephora eine Meinung abzugeben (etwa zu Haar- oder Nageltreatments), bevor die positiven Berichte über Sunday Riley verfasst werden. Die Logik dahinter ist wohl die, dass ein Reviewer-Profil mit vielen unterschiedlichen Berichten glaubwürdiger erscheint als nur mit einem (wodurch man tatsächlich ein Fake vermuten könnte).

Außerdem wurden die Mitarbeiter von Sunday Riley darüber informiert, was genau sie in ihren fake reviews schreiben sollten. Wenn sie über die Saturn-Gesichtsmaske berichten, sollten sie in erster Linie folgende Merkmale hervorheben: die grüne Farbe der Maske, wie kühlend sie sich am Gesicht anfühlt, den nicht-austrocknenden Effekt und die außergewöhnliche Strahlung der Haut nach der Anwendung. Schließlich sollten sie darauf eingehen, wie die Gesichtsmaske deren Akne verbessert hat.

Fake reviews der Kosmetikindustrie FakeDabei sollten sich die Mitarbeiter in den Reviews über die Saturn Maske nicht nur auf Sunday Riley beziehen, sondern auch auf konkurrierende Gesichtsmasken (Namen der Konkurrenzfirmen sollten jedoch unerwähnt bleiben). Folgendes sollte betont werden: Erstens trocknet die Sunday Riley Saturn Maske die Haut nicht aus, während andere Masken zum ähnlichen Pflegezweck es durchaus tun. Zweitens bringen andere Gesichtsmasken die Haut nicht zum Strahlen, wohingegen die Sulfur Acne Treatment Mask diesbezüglich hervorragende Ergebnisse erzielt. Und zum Schluß musste in den Reviews angeben werden, dass die Rezensenten alles Mögliche probiert haben und erst die Saturn Maske bei denen funktioniert hat.

Und – aufpassen! – das alles soll unabhängig davon erzählt werden, ob die Berichterstatter das Produkt tatsächlich verwendet haben und ob er/sie jemals unter Akne litten!

Könnt Ihr Euch das überhaupt vorstellen?

Das ist allerdings noch nicht alles!

Des Weiteren weist die E-Mail darauf hin, dass die Mitarbeiter von Sunday Riley dem für das PR der Firma Verantwortlichen zunächst Screenshots mit den vorbereiteten Texten senden sollten, bevor sie auf den “Veröffentlichen” Button klicken. Erst nachdem die Inhalte auf deren “Richtigkeit” hin geprüft worden sind, können die fake reviews auf der Sephora Homepage publiziert werden.

Auch wurden die Sunday Riley Mitarbeiter dazu aufgerufen, regelmäßig Reviews von anderen Usern zu sichten. Hat jemand eine negative Meinung abgegeben, sollten die Sunday Riley “Soldaten” eine Gegenmeinung dazu schreiben.

Und wenn Ihr jetzt denkt, dass es nicht schlimmer werden kann, kommt noch Eins drauf: Die Mitarbeiter von Sunday Riley wurden instruiert, beim Schreiben der Berichte ein ExpressVPN zu verwenden, um ihre wahren IP-Adressen zu verstecken (beim Schreiben von multiplen Nachrichten würde so etwas den Moderatoren sicherlich auffallen).

Na, wie klingt das für Euch? Abstoßend? Ekelhaft? Unglaublich?


Bekenntnis von Sunday Riley zu Fake Reviews

Leider muss man der Echtheit der oben beschriebenen E-Mail tatsächlich Glauben schenken. Denn Sunday Riley hat sich zu diesem peinlichen Verhalten ein paar Tage später öffentlich bekannt. Auf Instagram eines anderen Accounts, wo die Unehrlichkeit des Unternehmens an den Pranger gestellt wurde, hat ein Firmenvertreter eine Erklärung dazu abgegeben. Diese findet Ihr hier in den Kommentaren. Dabei war die Erklärung nicht nur verwirrend, sondern auch schlicht und ergreifend unkorrekt: Es wurde u.a. behauptet, dass die Sunday Riley Mitarbeiter gebeten wurden, aus Eigenerfahrung zu berichten, was nicht der Fall war.

Das Interessanteste dabei war jedoch etwas anderes, nämlich die Angabe eines der Gründe für das Verhalten des Kosmetikunternehmens. Dieser lautete nämlich wie folgt: Da viele Konkurrenten negative Erfahrungsberichte über neue Pflegepräparate von Sunday Riley (sicherlich) schreiben werden (aus deren fake accounts?), muss man versuchen, mit Hilfe von positiven Reviews die Meinung der Konsumenten zu ändern.


Kosmetikfirmen und Fake Reviews

Laut Sunday Riley ist also ein unredlicher Public Relations in der Zeiten der harten Konkurrenz von Kosmetikunternehmen um unsere Aufmerksamkeit inzwischen zu einer oft praktizierten Methode geworden.

Die US-Tageszeitung Washington Post hat im Frühjahr 2018 einen Artikel mit dem Titel “How merchants use Facebook to flood Amazon with fake reviews” veröffentlicht (Originaltext). Darin wird die These gestellt, dass viele Bewertungen auf Amazon fake sind. Wie kommen die Hersteller bzw. Shop-Besitzer an all diese Bewertungen heran, fragt Ihr? Zum Beispiel via Facebook-Gruppen, in denen ein Gutschein gegen positive Produkteinschätzung angeboten wird. Ich habe es natürlich nicht geprüft. Es klingt für mich jedoch hoch plausibel, dass solche unehrlichen Praktiken auf Online Portalen heutzutage Gang und Gebe sind.

Persönlich gehe ich davon aus, dass es aber weiterhin ehrliche Kosmetikfirmen gibt, die nur echte Bewertungen unter deren Produkten stehen haben und keine negativen Reviews von fake accounts unter den Konkurrenten verfassen. Gut vorstellen kann ich mir jedoch durchaus, dass wir gerade eine wachsenden Tendenz in die Richtung der Manipulation von unseren Produktwahrnehmung durch fake Reviews erleben.


Fake Reviews und Eure Meinung dazu

Und was sagt Ihr dazu? Wie oft lässt Ihr Euch von Reviews von Kosmetikprodukten bzw. Pflegepräparaten beeinflussen, die angeblich aus Eigenerfahrung verfasst wurden? Lest Ihr so etwas? Auf Amazon, auf Douglas, woanders? Welche Informationsquelle bzw. welche Portale findet Ihr in diesem Zusammenhang glaubwürdig und welche Reviews lassen Euch kalt? Gibt es bestimmte “Phrasen”, bei welchen Ihr sofort merkt, dass es sich um ein Fake handelt? – Beispiel: “Ich habe schon alle Produkte gegen XY ausprobiert und erst das Präparat Z hat mir geholfen… etc.).

Gibt es ein Online Portal, wo man noch ein Funken Hoffnung haben kann, dass die verfassten Reviews meist ehrlich sind? Ich bin gespannt, was Ihr dazu berichten werdet.

Durch das Geschehen mit Sunday Riley bin ich zwar nicht schockiert, fühle mich aber durch die gezielte Täuschung etwas betroffen und bin noch skeptischer geworden, was die Kosmetikindustrie und den ganzen Zirkus rund um Beauty Influencer anbelangt.

Eure Pia


PS. Dupes von Good Genes von Sunday Riley

Neulich hat Sunday Riley die Formulierung von Good Genes für die Distribution auf dem europäischen Markt geändert. Die neue Version basiert nicht mehr nur auf Milchsäure. Vielmehr enthält die “europäische” Version von Good Genes eine Kombination von 7% Glykolsäure und 3% Milchsäure (in Salzform).

Beide Varianten des Good Genes Serums kann man durch andere – besser formulierte (!) und viel günstigere – Pflegeprodukte ersetzen!

  • Eine Kombination von Glykolsäure und Milchsäure findet Ihr ebenfalls in dem neuen AHA-Produkt von Paula’s Choice namens “Resist Anti-Aging 10% AHA Peeling” ( mehr dazu im Vergleich zu anderen AHA-Produkten von Paula’s Choice findet Ihr in diesem Beitrag).
  • Eine sehr gute Alternative (Dupe) für die US-Version von Good Genes ist hingegen das Serum von The Ordinary mit 5% oder 10% Milchsäure (INCI: Lactic Acid) – mehr zu The Ordinary Produkten findet Ihr hier. Außerdem bieten: Garden of Wisdom ein Serum mit 5% Milchsäure und InKeyList ein Präparat mit 10% Milchsäure (beide Produkte werde ich Euch bald vorstellen!).
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Eure Pia

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Marie

Auf Bewertungen gebe ich schon lange nichts mehr. Einfach aus oben genannten Gründen und weil ich meine eigenen Kriterien habe, wenn ich ein Produkt aussuche.

Trotzdem ist das Verhalten von SR unmöglich.Vielleicht nehmen sich in Zukunft auch mal die Verbraucherzentralen diesem Thema an. Schließlich ist das ja nicht nur ein Problem auf dem Kosmetikmarkt, sondern zieht sich durch sämtliche Konsumzweige.

VG

Isabelle

Ich wundere mich nicht darüber.
Grundsätzlich ist meine Erfahrung, dass Bewertungen über Pflegeprodukte und dekorative Kosmetik absolut subjektiv sind und somit nicht übertragbar, sprich die Bewertung interessiert mich nicht wirklich.

Maria

Ich glaube da ehrlich gesagt gar nichts mehr. :/

Hana Mond

Tatsächlich überrascht es mich nicht – ich erwarte, dass viele Firmen falsche Reviews verfassen lassen. Völlig begeisterte Rezensionen lese ich meist gar nicht erst (ohnehin – rein positive Bewertungen sind, selbst wenn nicht fake, oft unreflektiert im ersten Überschwang geschrieben, ggfs. unter bei Promo-Aktionen unter “Ich hab was gratis bekommen”-Begeisterung verfasst und damit wenig glaubwürdig), sondern schaue mir die mittelguten Bewertungen an, die positive und negative Aspekte hervorheben.

Isabelle

??

Frau Strubbel

Mich wundert das alles gar nicht, schließlich muss auch Lieschen Müller davon überzeugt werden tief ins Portemonnaie zu greifen. Heutztage geben leider viel zu viele was auf “die Meinung im Internet” zu irgendwelchen Produkten oder sogar Therapieformen bei Krankheiten. Dass sowas ausgenutzt wird ist doch logisch, billiger kann man Marketing ja kaum betreiben.

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