Prozentangaben von Wirkstoffen in Hautpflege – Müssen wir das wissen?

1. Prozentangaben Wirkstoffe Hautpflege

Heute wollen wir uns ein paar Gedanken dazu machen, ob, und wenn ja, inwiefern uns das Wissen über die Menge von beigefügten Wirkstoffen in Hautpflege helfen kann. Sind Angaben von Wirkstoff-Konzentrationen in Hautpflegeprodukten sinnvoll?

Diese sieht man nämlich immer häufiger auf der Produktverpackung. Während ich darüber sehr froh bin, stellt sich für mich die Frage, ob dies einer Person, die keine direkte Verbindung zwischen dem Wirkstoffnamen – dessen Konzentration – und Wirkung auf die Haut hat, überhaupt etwas Sinnvolles sagt. Nennen wir diese Person Frau Fröhlich.

Frau Fröhlich steht also ab jetzt exemplarisch für diejenigen unter uns, die nicht die Zeit haben, sich in die, zugegebenermaßen immer komplexer werdende, Materie rund um Wirkstoffe, Formulierungen, Trägersysteme etc. in Pflegeprodukten einzulesen, die aber zugleich Hautpflege verwenden wollen, die ihre Hautbedürfnisse bedient.


Konzentrationsangaben = besonders hohe Wirkung?

Also steht Frau Fröhlich vor einem Serum X, auf dem der Hersteller das Folgende angibt:

15% Vitamin C, 4% Niacinamid und 0.5% Ectoin.

Welche Gedanken kommen Frau Fröhlich durch den Kopf? Zum Beispiel:

„Konzentrationsangaben deuten auf eine besonders hohe Wirkung des Serums hin, ergo: Das Serum muss besonders wirksam sein.“

Hätte Frau Schmidt mit dieser Vermutung recht?

Sie könnte Recht haben, oder aber nicht… In dem obigen Fall läge die Vermutung nahe, dass das Serum antioxidativ, Pigmentflecken aufhellend, entzündungshemmend und Hautbarriere stärkend wirken könnte.

Wo liegt das Problem?


Gesamtformulierung macht es aus!

Das Problem liegt erstens darin, dass wir die Wirkung eines Produktes — ohne uns die Gesamtformulierung anzuschauen –, nicht mit Sicherheit annehmen können. Denn Wirkstoffe wirken nicht in einem Vakuum, sondern werden durch andere Substanzen begleitet, welche die gegenseitige Wirkung verstärken oder verhindern können.

Beispiel: Die Konzentration überträgt sich insofern nicht eindeutig auf die Wirkung, da Wirkstoffe – welche mit einem besonderen Trägersystem versehen wurden, etwa in Liposome oder Niosome eingekapselt wurden, effizienter in die Haut eingeschleust werden können. In diesel Fall braucht man von dem Wirkstoff weniger und die Wirkung kann trotzdem stärker ausfallen. Sprich: Ein Serum mit 0.3% Retinol und 0.2% Retinol können genauso gleich wirksam sein; das Serum mit 0.2% Retinol gegebenenfalls aber weniger Irritationen verursachen wird.

Auf der anderen Seite: Wenn wir die Prozentangaben sehen und dazu noch die Information haben, dass der Wirkstoff eingekapselt wurde, stehen die Chancen theoretisch gut, dass er auch effizient wirken wird.

Anderes Beispiel: Die Angabe zu den drei hervorgehobenen Wirkstoffen sagt uns nicht, was sonst noch in der Formulierung steckt. Ist das Serum von Hautallergenen begleitet (etwa Geraniol, Lavendelöl und Teebaumöl), werden sie die die Hautbarriere eher stören als unterstützen. Die positive Wirkung von Ectoin kann somit durch ätherische Öle nivelliert werden.

Kurz: Die Gesamtformulierung ist für die Wirkung der Wirkstoffe mitverantwortlich, was die Prozentangaben relativieren kann.


Problem mit Extrakten und Komplexen

Zweitens: Die Annahme, dass die Konzentrationsangaben immer auf eine besonders hohe Wirkung der hervorgehobenen Wirkstoffe hinweisen, stimmt dann nicht, wenn es sich um Extrakte oder “Komplexe” handelt.

Über das Problem von Wirkstoff-Komplexen habe ich in meinem  Video Hautkurs – in diesem Abschnitt – mit Beispielen gesprochen. Hier nur kurz dazu: Ein 5% Ceramiden-Komplex heißt bei Weitem nicht, dass in dem Produkt 5% Ceramide eingesetzt wurden. Ein Komplex kann alles mögliche bedeutet und ist nirgendwo – außer in den Hersteller internen Papieren – festgelegt.

Manchmal sind Hersteller nett und gehen auf die Zusammensetzung eines Komplexes” näher ein; meist aber nicht.

Konzentration von Wirkstoffen Retinol
3% Retinol „blend“ – bedeutet keine 3% Retinol. Die Retinolkonzentration wurde nicht angegeben. Der Verweis auf 3% ist hoch irreführend.

Hier ist die Prozentangabe täuschend und bedeutet rein gar nichts – und bestimmt nicht, wie hoch der besondere Wirkstoff in dem Komplex/Blend konzentriert ist.

Bei Extrakten ist die Lage sehr ähnlich: man weiß nicht, wie viel von dem Wirkstoff drin steckt und welche Lösungsmittel in dem Extrakt eingesetzt wurden.


Konzentrationsangaben = besonders hohe Transparenz?

Nun, was kann Frau Fröchlich beim Blick auf Wirkstoffkonzentrationen sonst noch denken könnte?

Vielleicht kommt sie zu der Auffassung, dass Konzentrationsangaben auf eine besonders hohe Transparenz der Marke hindeuten. Wir sind alle der standardisierten Antworten von Kosmetikunternehmen Leid, dass alles, was in einer Formulierung steckt, deren Firmengeheimnis darstellt. Freiwillige Angaben scheinen somit auf eine Öffnung der Kosmetikwelt dem Kunden gegenüber hinzudeuten bzw. darauf, dass sich der Hersteller Mühe gibt, mit dem Kunden auf der Augenhöhe zu kommunizieren. Das kann Vertrauen wecken.

Doch die Transparenz scheint zugleich eine sehr erfolgreiche Marketing-Strategie zu sein. Das ist zum Teil mit dem obigen Punkt verbunden (Konzentrationsangaben als Schein der Wirksamkeit); zum anderen zielt es eben auf einen Vertrauensgewinn hin.

Einige Firmen gehen so weit, dass sie die Gesamtformulierung samt Konzentration von jeder einzelnen Substanz angeben. Für meine eigenen Zwecke finde ich es zwar großartig; die allermeisten Menschen können sich davon aber überwältigt fühlen. Ich bin mir nicht sicher, ob Frau Fröhlich wissen will und muss, wie viel Caprylyl Glycol in dem Discoloration Correcting Serum von Good Molecules steckt. Wird das Frau Fröchlich helfen, eine Entscheidung für oder gegen das Produkt zu treffen? Kaum.

Good Molecule Wirkstoffe 1

Ist der Slogan “Nothing to hide” (nichts zu verbergen) dennoch eine möglicherweise cleve Marketing-Strategie? Potenziell ja, wenn man sich mit dem Thema und den potenziellen Unzulänglichkeiten, welche mit Good Molecule verbunden sind, nicht näher beschäftigt.


Konzentrationsangaben – Mehr = Besser?

Ob Frau Fröhlich durch die Tendenz, immer mehr Prozentangaben auf Verpackungen von Hautpflege zu sehen, zu dem Gedanken verleitet wird, dass mehr besser ist? Das also bei einer Wahl zwischen 5% und 10% Niacinamid Serum – auf 10% abgezielt werden sollte?

Das kann tatsächlich zutreffen. Wenn Frau Fröhlich eine empfindliche Haut hat oder Anfängerin in Sachen Hautpflege mit Wirkstoffen ist, würde man hoffen, dass sie eher für die geringe Konzentration optieren wird. Falls man aber mit der eigenen Haut unzufrieden ist und schnelle Resultate sehen möchte (wer noch?), dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die höchste Konzentrationen gewählt wird. Wäre also für den Verbraucher nicht hilfreicher, anstatt Konzentrationen von Wirkstoffen, eine genaue Beschreibung zu bekommen, für wen ein bestimmtes Produkt geeignet ist? Etwa eine Ausdifferenzierung zwischen Anfängern, Fortgeschrittenen und Profis könnte den zweifelnden Kosmetikkonsumenten weiterhelfen. Was denkt Ihr?

Zugleich kann die Tendenz, dass Konsumenten mehr mit besser assoziieren, Hersteller dazu verleiten, immer höher konzentrierte Wirkstoffe anzubieten. Ein gutes Beispiel dafür ist 20% Niacinamid – eine Menge, die in keiner vernünftig durchgeführten klinischen Studie geprüft wurde. Es kann besser auf Pigmentflecken wirken als 10%; wissen tun wir es aber aus der Fachliteratur nicht.

Die Mehr = Besser Tendenz wäre aber eine Konsequenz der allgegenwärtigen Prozentangaben von Wirkstoffen, was eine steigende Zahl an Menschen mit einer empfindlichen Haut nach sich ziehen könnte ( alles zu einer empfindlichen Haut und gesunder Hautbarriere, s. hier).


Fazit: Sind Prozentangaben für Wirkstoffe nützlich oder überflüssig?

Wenn man die Tatsache mit in Betracht zieht, dass sich die Menge an Wirkstoffen nicht direkt auf deren Wirkung überträgt (s. oben: Verkapselung, Gesamtformulierung, etc.), und dass „mehr“ nicht „effizienter“ ist, dann kann aus den Angaben nicht mit Sicherheit auf bestimmte Wirkungen geschlossen werden.

Etwa 5% Niacinamid wird hoch wahrscheinlich entzündungshemmend und aufhellend auf Pigmentflecken wirken. Ob Frau Fröhlich das weißt oder weiterhin dem Hersteller glauben muss, ist eine andere Frage.

Daher macht es Sinn, sich zumindest mit den wichtigsten Wirkstoffen und deren Wirkung auf die Haut auseinander zusetzen, um diese selbst einschätzen zu können.

Prozentangaben geben keine Auskunft über die Qualität der Inhaltsstoffe, über die Stabilität der Gesamtformulierung und potenziell auch nicht über die Wirkung des Produktes. Aber sie sind eine gute Orientierungshilfe für alle, die grundlegendes Wissen über Hautpflege haben.

Von daher sehe ich in den Wirkstoffangaben – trotz aller oben ausgeführten Bedenken – viele Vorteile. Wenn etwa 15% Vitamin C auf der Verpackung steht, dann sind 15% Vitamin C drin. Damit haben wir eine gute Chance, dass das Serum tatsächlich antioxidativ und aufhellend wirken wird. Bei einem Serum ohne Konzentrationsangaben, dafür mit einem Überschrift „Brightening Vitamin C Serum“ müssen wir hingegen glauben, dass es auch Pigmentflecken aufhellend wirken wird. Dabei kann in der Realität die Menge an Vitamin C 0.5% betragen, was weder einen antioxidativen noch aufhellenden Einfluss auf die Haut haben wird.

Kurz: Ich begrüße Konzentrationsangaben zu wichtigsten Wirkstoffen in einer Formulierung, sehe aber zugleich, dass dies ein Mindestmaß an (grundlegendem) Verständnis von Haut und Hautwirkstoffen sind.

Und damit komme ich zu einem anderen Punkt, den ich in diesem Zusammenhang kurz ansprechen will, nämlich zu meinem Video-Kurs:


Video-Hautkurs – wird zugänglicher

Meine Arbeit an dem Video Kurs wurde durch den Gedanken geleitet, möglichst vielen von Euch eben das grundlegende Wissen in einer schnellen, verständlichen Form anzubieten.

Das ist mir wichtig, denn je mehr von uns die Grundlagen von Hautpflege und Wirkstoffen hat, desto weniger Firmen werden uns Brightening Seren „mit Vitamin C“ fast ohne Vitamin C anbieten können (mehr dazu hier).

Doch viele von Euch haben sich bei mir gemeldet, dass der Kurspreis doch zu hoch ist und selbst wenn sie die Video-Reihe gerne kauften, es – insbesondere in der heutigen ökonomisch instabilen Lage – nicht tun können.

Der heutige Beitrag zu Wirkstoffkonzentrationen zeigt dabei deutlich, dass den Kern von Skincare Inspirations unverändert ein Bildungsauftrag darstellt. Damit soll Euch bei der Auswahl der für Eure Hautbedürfnisse am besten geeigneten Hautpflege geholfen werden.

Daher habe ich mich entschieden, den Preis für den Video-Kurs hier auf 69€ zu senken, damit es viel zugänglicher wird. Prioritäten müssen Prioritäten bleiben.

Skincare Academy Hautkurs Hautpflege Videokurs


Danke und Happy New Year!

Und damit komme ich zu dem letzten Punkt: Zu einem großen Dankeschön für Eure andauernde Unterstützung, Kommentare, Anregungen und das letzte gemeinsame Jahr! Ich wünsche uns allen ein gesundes, möglichst ruhiges, sicheres und erfolgreiches Jahr – egal, was Erfolg für einen bedeuten mag. 

Wir sehen uns im nächsten Jahr in Alter Frische wieder – mit spannenden Hautpflegethemen und neuen Produktreviews. Ich freue mich darauf. Ihr hoffentlich auch! Für Eure Themenvorschläge bin ich wie immer offen!

Noch einmal danke und ein Frohes Neues!

Eure Pia

4 Kommentare zu „Prozentangaben von Wirkstoffen in Hautpflege – Müssen wir das wissen?“

  1. Liebe Pia,

    wieder ein toller Artikel, ich danke dir recht herzlich für diesen und die vielen anderen Informationen, die du uns übermittelst.

    Ich wünsche dir und deinen Lieben einen schönen Jahreswechsel!

    Viele liebe Grüße!
    Tina

    1. Liebe Tina, besten Dank für Deinen Kommentar. Ich hoffe, dass der Text etwas Licht auf Kosmetikformulierungen wirft. Alles Bestens und wir sehen uns im nächsten Jahr! 🙂

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