Was bedeutet „Epigenetik“ für unsere Haut?
Alle reden von Epigenetik und Jugendaktivierung – aber was heißt das eigentlich für uns und unsere Hautpflege? Kann ein Wirkstoff wirklich die stumm gewordenen Gene reaktivieren, oder bleibt es bei leeren Versprechen? Heute nehmen wir das anhand des Epicelline Serums von Nivea genau unter die Lupe.
Epigenetik als Megatrend
Epigenetik ist seit einiger Zeit überall zu finden: epigenetische Ernährung, epigenetische Therapieansätze, Nahrungsergänzungsmittel mit epigenetischen Ansprüchen und natürlich auch in der Kosmetikindustrie.
Beispiele gibt es viele: Clarins setzt eine „Epi-aging Defense Technology“ ein, Estée Lauder baut sein Nachtserum auf epigenetischen Erkenntnissen auf, und Skinni fordert stolze 250 € für eine „Epigenetic Face Cream“.
Doch als einer der Vorreiter epigenetischer Hautpflege mit über 15 Jahren Forschung positioniert sich Beiersdorf – und das zu Recht. Dazu gehören unter anderem Marken wie La Prairie, Chantecaille, Eucerin und Nivea.
Der epigenetische Wirkstoff: Epicelline
Der epigenetische Schlüsselwirkstoff heißt Epicelline und ist im neuen Serum von Nivea enthalten. Aber was kann dieses Produkt wirklich?
Wir gehen so vor:
Zuerst klären wir, wie Epigenetik in der Hautpflege verankert werden kann – leicht verständlich und dennoch wissenschaftlich fundiert. Anschließend stellen wir die Frage, ob sich das Nivea Serum tatsächlich lohnt.
Epigenetik einfach erklärt
Die Epigenetik ist ein Forschungsgebiet, das untersucht, wie unser Körper entscheidet, welche Gene aktiviert und welche stillgelegt werden – und das alles, ohne die DNA selbst zu verändern.
Man kann sich die DNA wie eine riesige Playlist vorstellen, in der jeder Song für ein bestimmtes Gen steht.
Epigenetik funktioniert wie ein Lautstärkeregler, der bestimmt, welche Songs laut gespielt (aktiviert) und welche stumm geschaltet werden.
DNA-Methylierung: Wenn Gene leiser werden
Eine der zentralen Mechanismen ist die DNA-Methylierung. Dabei werden kleine chemische Etiketten – sogenannte Methylgruppen – an bestimmte Abschnitte der DNA angehängt. Diese markieren einem Gen, dass es bitte nicht abgespielt werden soll. Je mehr Methylgruppen an einem Gen hängen, desto stiller wird es.
Mit zunehmendem Alter reichern sich diese Methylgruppen besonders auf den sogenannten „Jugendgenen“ an – das sind Gene, die für Kollagenproduktion, Zellteilung und Regeneration zuständig sind.Ein Beispiel ist das Gen COL1A1, das wesentlich an der Kollagensynthese beteiligt ist. Wenn es „verstummt“, leidet die Hautelastizität und Falten entstehen.
Epigenetik zwischen Wissenschaft und Marketing
Epigenetik ist ein ernstzunehmender Teil der Wissenschaft. Leider wird der Begriff oft als Marketing-Schlagwort verwendet und entwertet dadurch die eigentliche Forschung.
In der Dermatologie beschäftigen sich epigenetische Forschungsansätze heute mit Wundheilung, Hautkrebsprävention, der Mikrobiom-Haut-Achse und natürlich mit Anti-Aging beziehungsweise „Slow Aging“.
Jugendgene und ihre Reaktivierung
Epigenetische Forschung hat gezeigt, dass mit dem Alter viele „Jugendgene“ weniger aktiv sind. Das bedeutet: Die Haut verliert Regenerationskraft, Falten und Elastizitätsverlust nehmen zu.
Genau hier setzt Beiersdorf mit Epicelline an. Das Unternehmen behauptet, der Wirkstoff könne diese stumm gewordenen Gene reaktivieren – durch das Flavonoid Dehydromyricetin (DHM).
Wie wirkt Dehydromyricetin (Epicelline)?
Dehydromyricetin ist der Hauptbestandteil des Wirkstoffkomplexes Epicelline. Es reduziert laut Beiersdorf-Patent die altersbedingte DNA-Methylierung der Jugendgene – mit anderen Worten: Es löst die chemischen „Etiketten“ von der DNA, sodass die Jugendgene wieder „laut abgespielt“ werden können.

Diese Funktion wurde 2021 von Beiersdorf patentiert als natürlicher DNA-Methylierungsinhibitor mit Anti-Aging-Potenzial (hier).

Wissenschaftliche Studien zu Epicelline
Zur Wirkung von Dehydromyricetin in der Hautpflege gibt es in-vitro Studien an epidermalen Keratinozyten sowie klinische Untersuchungen mit 19 bis 40 Probandinnen, die placebokontrolliert durchgeführt wurden.
Nach vier Wochen zeigte sich laut Beiersdorf-Angaben eine Reaktivierung verschiedener Jugendgene. Mitautorinnen stammen unter anderem vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg und dem Institut für Bioinformatik Greifswald. Das verleiht den Studien zusätzliche Glaubwürdigkeit, da sie nicht ausschließlich intern durchgeführt wurden.
Wie überzeugend sind die Ergebnisse?
Ich würde mein Retinol-Serum nicht dauerhaft gegen ein Serum mit Dehydromyricetin tauschen, aber als Ergänzung in der Routine – warum nicht?
Aktuell gibt es meines Wissens nur zwei Produkte mit Epicelline am Markt:
- den Hyaluron-Filler von Eucerin
- das verjüngende Serum von Nivea.
Das Nivea Cellular Epigenetics Serum
Das Nivea Cellular Epigenetics Serum ist derzeit mit etwa 29,90 € das preisintensivste Drogerieserum. Es ist eine leichte, lotionartige Textur, die stark parfümiert ist.

Neben Epicelline enthält es Feuchthaltefaktoren und Lipide – also eine solide, befeuchtende Basis.
Vergleich: Nivea vs. Eucerin Hyaluron-Filler

Das Eucerin Hyaluron-Filler Epigenetics Serum ist deutlich teurer, bietet in der Formulierung aber meiner Meinung nach keinen Mehrwert.
Beide Produkte versprechen sichtbare Verjüngung in bereits zwei Wochen – eine ambitionierte Aussage. Die Rezepturen unterscheiden sich stark: Eucerin setzt auf denaturierten Alkohol (was ich bei sensibler Haut meide), während Nivea keinen Alkohol enthält, dafür jedoch das bekannte Allergen Citronellol. Beide sind parfümiert.
Lohnt sich das Serum von Nivea?
Wenn ihr Epicelline testen wollt, müsst ihr also nicht zwingend zum teureren Serum greifen – das Nivea-Produkt reicht aus, sofern ihr Duftstoffe toleriert.
Wunder solltet ihr allerdings nicht erwarten. Niemand wird nach vier Wochen fünf Jahre jünger aussehen. Beiersdorf meint vermutlich, die „Jugendgene“ würden wieder so aktiv wie vor fünf Jahren – sichtbar wird das jedoch kaum.
Mein Fazit
Ich werde das Serum noch einige Wochen testen und ein Update geben. Im Moment lautet mein Fazit: spannend, aber nicht revolutionär. Wer empfindliche Haut hat, sollte vorsichtig sein. Wer experimentierfreudig ist und die 30 € übrig hat, kann es ausprobieren. Alle anderen lassen es lieber im Regal stehen.
Was ich euch garantieren kann: Der nächste angeblich „revolutionäre“ Wirkstoff, der unsere Jugendgene aktivieren soll, steht bereits in den Startlöchern. Wir dürfen gespannt sein. 🙂
Pia

Danke für den Post. Nach einiger Zeit nah am Kosmetik-Marketing bin ich vorsichtig geworden – ich wäre hier jedoch fast drauf reingefallen. Ich denke ich bleibe bei Retinal und zusätzlich Barrierestärkender, irritationsarmer (unparfümierter) Hautpflege ohne Experimente. Meine Haut sah nie besser aus.
Ich verwende es seit 2 Monaten und über die Ankündigung, Hautverjüngung, kann ich nur lachen! Alles beim alten: Pflege ja, aber ob Hyaluron, Retinol oder Epigenetics ist vollkommen egal!