Hypochlorsäure – gut oder doch nicht so gut für die Haut?

Hypochlorsäure in Sprays – Wundermittel oder Marketingversprechen?

Ihr habt sicher schon die vielen Sprays mit Hypochlorsäure gesehen.

Was sollen sie für die Haut tun?

Sie sollten helfen bei Akne, Ekzemen, trockenen oder gereizten Hautstellen, Sonnenbrand, nach der Rasur oder kosmetischen Behandlungen.

Außerdem sollen sie die Narbenbildung reduzieren und das Abklingen von Pickeln positiv beeinflussen.

Doch das ist noch längst nicht alles. Die hypochlorige Säure soll auch Einfluss auf die Poren, die Hautqualität, die Narbenbildung und die Neutralisierung freier Radikale haben – also antioxidativ wirken.

Ist das alles nicht übertrieben?

Eine solche Liste positiver Effekte eines einzigen Wirkstoffs sieht man selten. Doch woher kommen diese Behauptungen? Ist das reines Marketing oder gibt es dafür eine robuste Evidenzlage? Schauen wir uns die verfügbaren Studien gemeinsam an.


Was ist Hypochlorsäure überhaupt?

Folgende Situation: Ihr schneidet euch in den Finger. Neben der Blutstillung passiert noch etwas Faszinierendes.

Eure weißen Blutkörperchen schicken ein kleines Molekül los – die Hypochlorsäure. Das ist unser körpereigenes Desinfektionsmittel, das Bakterien, Viren und Pilze bekämpft.

Man kann Hypochlorsäure also als natürliche Waffe gegen Keime im Körper ansehen. Doch wie genau wirkt sie auf der Haut?


Zwei Hauptmechanismen der Wirkung auf die Haut

1. Hemmung von Staphylococcus aureus

Laut Studien wirkt Hypochlorsäure speziell gegen Staphylococcus aureus. Das ist ein Bakterium, das bei Akne, Neurodermitis und Rosazea eine große Rolle spielt. Dazu gibt es zahlreiche In-vitro-Studien, aber auch erste In-vivo-Untersuchungen am Menschen.

Akne

Mehrere klinische Studien untersuchten den Einfluss auf Akne. Eine wichtige stammt aus dem Jahr 2021. 40 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Akne trugen Hypochlorsäure dreimal täglich für vier Wochen auf eine Gesichtshälfte auf, auf der anderen Seite ein Placebo (Wasser). Das Ergebnis: Ein Rückgang von Papeln und Pusteln um 37 %. Auch die Placebogruppe zeigte eine Verbesserung, jedoch schwächer – ein Hinweis darauf, dass ein Teil des Effekts placebobedingt sein könnte.

Interessant war zudem der Unterschied zwischen Männern und Frauen: Bei Frauen funktionierte es besser, wahrscheinlich aufgrund hormoneller Unterschiede in der Akneentstehung. Dennoch betonen die Forschenden, dass größere Studien mit mehr Teilnehmern nötig sind, da diese Untersuchung relativ klein war.


Neurodermitis

Eine placebokontrollierte Studie von 2017 mit 30 Patienten zeigte, dass 74 % der Testgruppe signifikant weniger Juckreiz hatten, im Vergleich zu 30 % in der Placebogruppe. Diese Studie wurde allerdings in keinem Fachjournal veröffentlicht.

Eine weitere Studie aus 2018 mit Mausmodellen zeigte, dass Hypochlorsäure nicht nur den Juckreiz reduzierte, sondern auch die Nervensignale blockierte. Die Säure reduzierte die Reizbarkeit der Nervenzellen – sie wurden also weniger sensitiv.

Diese Ergebnisse stammen jedoch bisher nur aus Tierversuchen.


Rosazea

Zu Rosazea und Hypochlorsäure liegen bislang keine klinischen Studien vor. Die Behauptung, dass Rötungen reduziert werden, findet sich zwar auf vielen Verpackungen, aber belastbare Daten dazu fehlen. Da Rosazea ebenfalls mit einer erhöhten Besiedlung von Staphylococcus aureus einhergeht, kann man vorsichtig annehmen, dass Hypochlorsäure auch hier hilfreich sein könnte.

Mechanismus 1 zusammengefasst:

Reduktion von Staphylococcus aureus und dadurch weniger Unreinheiten, Juckreiz und Irritationen bzw. Rötungen.


2. Hemmung von MMP9 – Einfluss auf Wundheilung und Kollagen

Der zweite Mechanismus betrifft das Enzym Matrix-Metalloproteinase 9 (MMP9). Dieses Enzym spielt eine wichtige Rolle bei entzündlichen Prozessen und baut Kollagen ab.

Ein hoher MMP9-Spiegel wird bei Hauterkrankungen wie Akne, Neurodermitis und chronischen Wunden beobachtet.

Die Hemmung von MMP9 durch Hypochlorsäure könnte daher die Wundheilung verbessern und theoretisch sogar einen „Slow-Aging“-Effekt unterstützen – allerdings ist dieser Zusammenhang bisher nicht klinisch belegt.

Die häufige Herstellerbehauptung, dass Hypochlorsäure freie Radikale neutralisiere und damit antioxidativ oder „Anti-Aging“ wirke, ist bislang nur eine Annahme, keine gesicherte Wissenschaft.

Was jedoch gut dokumentiert ist:

Hypochlorsäure unterstützt die Wundheilung, insbesondere bei schlecht heilenden Wunden wie bei Diabetes. Hier spielt MMP9 ebenfalls eine Rolle, da es Kollagen abbaut – also genau das hemmt, was für stabile Gewebsneubildung nötig ist.

Die positiven Effekte wurden bisher aber überwiegend in Zellkulturen und Tierversuchen belegt, während es bei Menschen nur vereinzelte Fallberichte gibt. Für verlässliche Aussagen braucht es größere, kontrollierte klinische Studien.


Offene Fragen: Langzeitwirkung und Stabilität

Ein bisher kaum untersuchter Aspekt ist die Langzeitwirkung. Was passiert, wenn die Haut über Monate oder Jahre täglich mit Hypochlorsäure behandelt wird? Könnte die Hautbarriere darunter leiden? Dazu fehlen derzeit Daten.

Ein weiteres Problem ist die Stabilität der Säure: Hypochlorsäure ist sehr instabil. Um sie wirksam zu halten, braucht es zwei Faktoren:

  • Einen korrekt eingestellten pH-Wert (zwischen 3,5 und 6,5, optimal etwa bei 4,5),
  • Eine licht- und luftdichte Verpackung.

Zu Hause sollte das Spray also nicht auf der Fensterbank liegen, sondern im dunklen Badezimmerschrank. Nach dem Öffnen sollte es innerhalb von 3 bis 6 Monaten verbraucht werden, sofern der Hersteller nichts anderes angibt.

Leider geben nicht alle Hersteller den pH-Wert an. Auf dem US-Markt tun das z. B. Tower 28 oder Prequel. Bei deutschen Marken wie No Cosmetics oder Nø R sollte man gezielt nachfragen. Da die Stabilität entscheidend für die Wirksamkeit ist, sollte der pH-Wert unbedingt auf Verpackung oder Homepage angegeben werden.


Fazit

  • Hypochlorsäure wirkt wissenschaftlich belegt vor allem bei entzündlichen Hautproblemen, die mit Staphylococcus aureus assoziiert sind – also Akne und Neurodermitis.
  • Ihre unterstützende Rolle bei der Wundheilung durch MMP9-Hemmung ist vielversprechend.
  • Anti-Aging-Behauptungen sind bisher spekulativ.
  • Über Langzeiteffekte und Hautbarriereverträglichkeit wissen wir derzeit zu wenig.
  • Beim Kauf auf pH-Wert, Verpackung und Haltbarkeit achten.

Ich bin sehr gespannt, ob Ihr bereits einen der Sprays mit Hypochlorsäure getestet habt.

Wenn ja, könnt Ihr uns darüber berichten?

Ich danke Euch! 🙂 Pia


Hypochlorige Säure & Haut – Quellen

Eine detaillierte Analyse der Studienlage zu HOCl inklusive direkter PMIDs/DOIs.

HOCl im Körper

HOCl wird von neutrophilen Granulozyten freigesetzt und dient dort als antimikrobielles Molekül (PMID: 29977491).

Wirkmechanismus 1: Reduktion von Staphylococcus aureus

Antimikrobielle Wirkung von HOCl ist gut belegt:

  • In-vitro-Reduktion von S. aureus (PMID: 23913353)
  • Breites antimikrobielles Profil (Review) (PMCID: PMC6303114)

Akne – klinische Evidenz

Die folgenden Humanstudien existieren zu hypochlorit-/HOCl-haltigen Lösungen gegen Akne:

  • Split-Face-Studie (4 Wochen, n=40): Reduktion entzündlicher Läsionen um ca. 37 %. (DOI: 10.5826/dpc.1103a46)
  • Weitere Pilotstudien zeigen ähnliche Trends, aber mit kleiner Stichprobe (Review PMCID: PMC6303114).

Atopische Dermatitis / Juckreiz

  • Placebokontrollierte Studie (n=30): 74 % vs. 30 % Juckreizreduktion unter HOCl. (PMID: 27826886)
  • Mausmodell: HOCl blockiert Juckreiz-Nervensignale. (PMID: 29549213)

Rosazea

Derzeit keine Humanstudien zu HOCl bei Rosazea. Theoretische Relevanz durch S. aureus-Beteiligung, aber keine Evidenz.

Wirkmechanismus 2: Reduktion von MMP-9

MMP-9 ist ein proinflammatorisches Enzym, das Kollagen abbaut. Studien zeigen:

  • HOCl hemmt MMP-9 in Tiermodellen und Zellkulturen (PMID: 34487939)
  • Relevanz für Wundheilung (PMID: 29426847)

Wundheilung – klinische Daten

Humanstudien sind begrenzt, aber interessant:

  • Chronische Wunden: HOCl unterstützt Reepithelialisierung. (PMID: 35578822)
  • Fallstudien bei Diabetes: Verbesserte Heilung, aber sehr niedrige Evidenzstufe (PMID: 38780759)
  • Epidermolysis bullosa (Pilotdaten): Gute Verträglichkeit, potenzielle Unterstützung der Heilung. (PMID: 40803690)

Anti-Aging / freie Radikale

Neutralisation freier Radikale wird oft behauptet, aber:

  • Keine Humanstudie
  • Keine direkte Anti-Aging-Evidenz
  • Lediglich theoretische Ansätze basierend auf antioxidativer Wirkung in vitro (PMID: 22132317)

Quellen (PMID/DOI/PMCID)

  • HOCl Review: PMCID: PMC6303114
  • Akne Split-Face Studie: DOI: 10.5826/dpc.1103a46
  • Juckreiz/AD Studie: PMID: 27826886
  • Juckreiz-Nervenmodell: PMID: 29549213
  • MMP-9 / HOCl Interaktion: PMID: 34487939
  • Wundheilung – Reepithelialisierung: PMID: 35578822
  • Wundheilung Diabetes Fallberichte: PMID: 38780759
  • Epidermolysis bullosa Pilotdaten: PMID: 40803690
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