Emotionen vs Fakten. Träumst Du noch oder pflegst Du schon?

Zwei von den wenigen Blogs, die ich tatsächlich lese (sprich: nicht nur überfliege), sind Colin’s Beauty Page und Realize Beauty. Der erst genante gehört zu einem cosmetic scientist, Colin (wer kann das für mich ins Deutsche übersetzen: kosmetischer Wissenschaftler, Kosmetikwissenschaftler? Beides klingt nicht richtig…). Der zweitgenannte wird von einer promovierten Chemikerin, Amanda, geführt, die ebenfalls im Beauty-Umfeld forscht/arbeitet. Beide haben neulich interessante Beobachtungen veröffentlicht, die ich heute in diesem Beitrag gegenüber stellen möchte.


Seinen letzten Blogbeitrag titulierte Colin: “Does Science or Emotion Drive The Cosmetic Industry?” // Was treibt die Kosmetikindustrie: Emotionen oder Wissenschaft? Den Anstoß dazu gab eine Tagung der Society of Cosmetic Scientists London, die neulich unter dem folgenden Motto stattfand: “What drives trends in cosmetic claims: consumer dreams or scientific reality?” // Wodurch werben die Kosmetikhersteller ihre Kunden an: durch Appelle an ihre versteckten Träume oder durch standfeste wissenschaftliche Befunde? Keinen Zweifel daran hatte der auf der Tagung zitierte Gründer von Revlon: “We are not selling nail enamel.  We are selling dreams.” // Wir verkaufen keine Nagellacke. Wir realisieren Träume.  (eigene Übersetzung) Colin’s Reflexion dazu lautete:

That is the truth of the matter.  Beauty product purchases rarely involve much in the way of logic. Consumers are buying dreams not functionality. // Die Wahrheit ist, dass beim Kauf von Beauty-Produkten selten die Logik eine Rolle spielt. Konsumenten kaufen Träume, nicht funktionalle Objekte.  (eigene Übersetzung)

Er fügte hinzu:

Beauty products aren’t necessities.  You won’t die without them. But they are important because of the way they make you feel.  If a particular shade of nail polish from a brand that you associate with a life style makes you feel good,  then the price tag is worth it.  A scientist may not be able to tell the difference between one finely dispersed pigment in a thin plastic film and another, but you sure as heck can. // Beauty-Produkte sind alles andere als notwendig. Wir werden ohne sie nicht sterben. Deren Wichtigkeit resultiert aus der Art und Weise, wie sie sich auf unser Wohlbefinden auswirken. Wenn dich der Erwerb einer besonderen Nuance eines Nagellacke einer Firma, die Du mit einem bestimmten Life Style assozzierst, glücklich macht, dann hat sich der Preis dafür gelohnt. Wissenschaftler könnten wohl häufig keine Differenz zwischen zwei Nagellacken unterschiedlicher Preiskategorien feststellen, aber Du kannst das – und wie!  (eigene Übersetzung)

Warum?

  • Weil nicht Fakten, sondern Träume für unser Kaufverhalten entscheidend sind: wir alle wollen in erster Linie Träume realisieren!
  • Weil wir an Versprechen glauben (wollen).
  • Weil wir inzwischen festverankerte Assoziationen mit Marken und deren “Bedeutung” haben.
  • Weil wir erlauben, dass diese Assoziationen und Träume unser Wohlbefinden steigern und unsere Stimmung verändern können.

Ist das nicht doof, albern und oberflächlich?

Nein. Unsere Träume sind aus menschlichen Interaktionen geboren und im gesellschaftlichen Kontext tief verankert. Man will gut aussehen, weil das von uns erwartet wird. Und es macht wenig Sinn, sich über etwas aufzuregen und dagegen zu kämpfen, wenn man es nicht ändern kann. Hinzu kommen individuelle Eigenschaften, Minderwertigkeitskomplexe, hohe ästhetische Ansprüche, die das Verlangen nach einem perfekten Aussehen noch verstärken können. Dies darf mit Oberflächlichkeit nicht verwechselt werden.

Dazu schreibt die Chemikerin Amanda folgendes:

I guess the biggest eye opener for me over the years has been the understanding that rightly or wrongly we can’t stop people from making judgements about us – our character, our mental stability, our work ethic, our intellect etc – based on our looks.  It is pointless to deny it or try to wish it away.  What we can do though is take some time to learn more about these judgements and the people that make them,  to take responsibility for how we portray ourselves and use it to our advantage, to capitalise on our uniqueness, sense of style and identity. // Was mir in den letzten Jahren die Augen geöffnet hat, war die Erkenntnis, dass wir andere Menschen nicht davon abhalten können, Urteile über uns zu fallen: über unser Charakter, mentale Stabilität, Arbeitsethik, Intellekt – und zwar basierend in erster Linie auf unserem Aussehen. Das zu bestreiten, ist zwecklos. Was wir aber machen können, ist, über diese Urteile sowie Menschen die dies tun zu lernen sowie die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir uns nach außen präsentieren. Wir sollen unsere Einzigartigkeit,  den eigenen Styl und Identität in unserer äußeren Präsenz wiedergeben und davon auch letztendlich profitieren können.  (eigene Übersetzung)


Wie lautet nun eine Zusammenfassung von den beiden hier präsentierten Ideen?

Wir kaufen Träume in kleinen Tuben und Döschen, da wir nach gutem Aussehen verlangen, weil wir auf dieser Basis von anderen bewertet werden.

Beides allein genommen stimmt. Doch der Widerspruch ist offensichtlich: Wenn man gut aussehen möchte und nicht nur etwas Frische mit einem tollen Blush temporär zaubern, sondern auch kleine Fältchen reduzieren will und vom effizienten und dauerhaften Aufhellen von Pigmentflecken träumt – muss die Wissenschaft konsultiert werden!

Welche Wirkstoffe wirken tatsächlich und was ist nur ein leeres Versprechen? Rechtfertigen einige neuartig gewonnene “natürliche” Pflanzenkonzentrate den gegebenenfalls hohen Produktpreis oder sollte man auf altbewährte Vitamin A und C zurückgreifen? Wenn das Letztgenannte mehr Sinn macht, in welcher Konzentration, in welcher Zusammensetzung, wie kombiniert mit anderen Pflegeprodukten sollten unsere Beauty-Mittel werden? 

Das verlangt etwas Wissen, Zeit für Informationsgewinnung und -verarbeitung. Aber es lohnt sich! Und heute ist die Informationsgewinnung schneller und einfacher denn je!

[bctt tweet=”Nur mit einem Wissensfundus kann man die Lüge von der Wahrheit unterscheiden, anstatt sich willenlos Marketing-Strategen unterwerfen.” username=”SCInspirations”]

Kurzum: Wenn das Ziel lautet, gut auszusehen, was absolut legitim und nachvollziehbar ist, kommt man an “etwas” Wissenschaft nicht vorbei.

knowledge

Ja, wir werden weiterhin Träume kaufen… Doch im Bereich der Pflege sollten die Träume doch vielleicht etwas verifiziert werden, sonst werden sie nie realisiert. Und ausgerechnet das wollen wir ja nicht!


Was denkt Ihr dazu? Über Eure Kommentare zu diesem Thema würde ich mich sehr freuen! Ich rede ja nicht für mich selbst, sondern für Euch und bin nicht auf meine eigene, sondern auf Eure Meinungen gespannt! Hier könnt Ihr ja anonym Eure Aussichten kundtun. Träumt Ihr vom glattem, gleichmäßigen Gesicht? Wie geht Ihr mit Träumen um? 

lank

Eure Pia


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gesundes-sein

Das Thema ist sehr spannend, und weil du so dazu aufforderst, unsere Meinung zu sagen, lasse ich einen Kommentar hier. (-;
Ich denke, da ist natürllich eine Menge Wahrheit drin. Letztendlich betrifft das jeden Bereich, wo etwas verkauft oder vermarktet wird. Ein Produkt lässt sich immer nach Emotionen – Befriedigung von Bedürfnissen verkaufen – nicht anhand von Fakten. Dass man als Hersteller dennoch eine gewisse ethische Haltung haben sollte, ist wünschenswert, kann aber vermutlich nicht verausgesetzt werden… Wenn wir ein Käufer sind, müssen wir uns darüber bewusst sein, dass auch wir so ticken. Ich persönlich schaue dann auch schon genauer hin, ob ich mir wirklich anhand der Fakten (das kommt als zweiter Schritt) etwas versprechen kann. Dann pobiere ich gern aus. Mal das, dann etwas anderes. Es spricht nichts dagegen, ein Produkt auszuprobieren. Dumm ist nur, wenn wir an unseren Träumen von einer Wirkung festhalten, obwohl wir durch ein Produkt nicht bemerken, dass wir unseren Zielen näher kommen. (-;

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